„Blick auf die Vereinsamung in der virtuellen Welt“

Frank Genser, Foto: Philip Lethen

„Blick auf die Vereinsamung in der virtuellen Welt“

Frank Genser inszeniert in Dortmund „norway.today“

trailer: Herr Genser, wollen Schauspieler irgendwann auch mal bestimmen dürfen?
Frank Genser: Ja.

Aha. Ist der Advent nicht eine besonders gefährliche Zeit für jugendliche Lebensmüde?
Mein jugendliches Alter ist schon einige Jahre her und lebensmüde habe ich mich noch nicht gefühlt. Also kann ich jetzt auch nicht aus der Erinnerung sagen, welche Jahreszeit dafür prädestiniert ist und welche nicht. Der Advent eher nicht – vielleicht aber Feste wie Silvester oder Geburtstage. Ich glaube, dass sind eher die risikoreichen Zeiten.

Zur Person:
Frank Genser wurde in Köln geboren und studierte Schauspiel an der Folkwang-Hochschule Essen. Sein erstes festes Engagement führte ihn ans Schauspielhaus Köln. Von 2002 bis 2007 war er festes Ensemblemitglied am Staatstheater Dresden, seit der Spielzeit 2011/12 am Schauspiel Dortmund. Er arbeitet außerdem als Synchronsprecher. Foto: Philip Lethen

Ich hatte eher so an die dunkle Jahreszeit gedacht.
In der Literatur, die ich gelesen habe jetzt in der Vorbereitung zu „norway.today“ werden eher einzelne Tage herausgehoben, an denen Menschen für Selbstmorde anfällig sind. Aber die dunkle Jahreszeit ist die Hochzeit der Depressionsphasen. Ob daraus resultiert, dass man sich auch umbringen will, ist in der Literatur eine umstrittene Frage.

Warum ausgerechnet „norway.today“ von Igor Bauersima? Ist das Stück nicht schon, ich sag mal, totinszeniert werden?
Es ist sehr, sehr oft inszeniert worden. Gerade Anfang der 2000er Jahre, nachdem es herausgekommen ist. Ich war damals am Staatstheater Dresden engagiert, da hab ich es natürlich auch gesehen. Ich weiß nicht, ob Stücke überhaupt irgendwann tot zu inszenieren sind. Ich halte es für aktuell, wenn man es entstaubt, beispielsweise diese Chatroom-Thematik aktualisiert, weil die für die digitale Welt bereits eine Ewigkeit her ist. Der Blick auf die Vereinsamung in der virtuellen Welt ist heute aktueller als je zuvor. In der Inszenierung geht es um die Vereinsamung, die aus einer Technik resultiert, die eigentlich zur Kommunikation gedacht ist und die wird weiter fortschreiten.

Wie findet man denn nun auf der Bühne diesen schmalen Grat zwischen Todessehnsucht und jugendlicher Lust auf das Leben?
Ich verstehe das so, dass die beiden jungen Erwachsenen – sie sind nicht mehr jugendlich, sondern bei uns so Anfang, Mitte 20. Die Lust aufs Leben kippt in eine Überlegung zum Selbstmord genau in der Lebensphase, wo sie sich nicht mehr deckungsgleich fühlen mit ihrem Leben. Ich will das gar nicht Todessehnsucht nennen, weil ich glaube, das ist noch was anderes. Ihnen tut sich einfach eine Lücke auf zwischen dem, was sie empfinden, und dem, wie sie sich im Leben selber sehen. Das resultiert auch aus der Situation, dass man in der heutigen elektronischen Kommunikation permanent ungefragt gespiegelt wird, in dem, was man tut, was man sagt. Man kriegt immer ungefragt eine sofortige Antwort auf das, wie man sich verhält oder wie man aussieht. Jeder, der sich in diesen Kreisen bewegt, muss sich dazu permanent verhalten. Das treibt die beiden Figuren im Stück in ein Gefühl des Nicht-Mehr-Hinterherkommens und zu der Erkenntnis, dass sich das wohl in den nächsten Jahrzehnten nicht ändern wird, und ob es dann nicht besser ist, diesen Zustand zu beenden. Sie halten den inneren Zwiespalt nicht aus.

Aber stürzen sich Jugendliche heute nicht eher in virtuellen Szenarien von Felsen?
Das tun sie wahrscheinlich. Was ich so toll finde an dem Stück ist, dass die beiden Figuren sich ganz explizit an verschiedenen Stellen im Stück dazu entscheiden, dass ihnen das fleischliche, das haptische, das mit allen Sinnen reale Leben weitaus mehr gibt, sie weitaus weiter bringt, ihnen emotional, aber auch als Lebensperspektive mehr bedeutet als das sogenannte virtuelle Leben. Wir liefern uns dem Experiment mit einem anderen Menschen aus, und deswegen will Julie das auch nicht alleine machen, die sucht sich ja extra jemanden, der mitgeht, um diesen Versuch zu starten. So eine Art von Real-Life-Experiment – Erfahrung am eigenen Leib hätte man vor 20 Jahren gesagt – um zu sehen ob sich das Fleisch noch weiter lohnt, den Körper auch als emotionalen Zustand zu begreifen, nicht nur als Gerät, wo das Herz pumpt und das Gehirn irgendwelche Gedanken sortiert. Die beiden haben irgendwo die Hoffnung, dass das, was sie im virtuellen Raum erleben, dass es das noch nicht gewesen sein kann.

In der letzten Spielzeit war Frank Genser (M.) als brutaler Karli in „ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM“ als Schauspieler zu sehen. Foto: Birgit Hupfeld

Braucht das Stück zwingend ein Happy End?
Welcher Ausgang wäre denn ein Happy End und welcher Ausgang kein Happy End? Das liegt für mich so sehr bei demjenigen, der sich mit dem Selbstmord auseinander setzt, was für ihn ein Happy End ist. Ich bin niemand, der einen Selbstmord oder Gedanken daran als guten Weg ansieht, aber ich möchte auch nicht, dass jemand, der sich dazu entscheidet, stigmatisiert wird, einen schlechten Weg gegangen zu sein.

Letzte Frage: Welche Kunstform ist befriedigender: die des Schauspielers oder die des Regisseurs?
Ich weiß es nicht. Beides ist manchmal befriedigend und beides ist manchmal extrem unbefriedigend.

„norway.today“ | R: Frank Genser | 26.1.(P), 2.2. 20 Uhr | Theater Dortmund (Studio) | 0231 50 27 222

INTERVIEW:

PETER ORTMANN

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