Kleinkünstler auf großer Bühne: Marc-Uwe Kling in der Essener Lichtburg. Foto: Björn Fehl

Witzig

Marc-Uwe Kling liest aus „Die Känguru-Offenbarung“ in Essen – Literatur 01/14

 

Ich bin kein Freund von Hörbüchern. Weder als Einschlafhilfe, noch für lange Zugfahrten. Ich vermisse das haptische Erleben und meistens missfällt mir die Intonation. Ich lese allerdings ausgesprochen gern. Als ich das erste Mal mit Marc-Uwe Klings schlicht „Die Känguru-Chroniken“ betiteltem Werk in Kontakt kam, verhielt es sich umgekehrt. Während mich die Geschichten aus der Berliner Wohngemeinschaft von Kleinkünstler und kommunistischem Känguru gedruckt nicht mitzureißen vermochten, machte das Hörbuch unverzüglich süchtig. Für den Junkie ist es daher von Vorteil, dass der Autor, Kabarettist und Musiker Kling den Punkt „Keine Fortsetzungen schreiben“ von seiner not to do-Liste gestrichen hat und derzeit mit dem zweiten Teil von „Die Känguru-Offenbarung“ auf Lesereise ist.

Ursprünglich Teil des Programms der Zeche Carl, musste der einzige Ruhrgebietstermin aufgrund der immensen Nachfrage verlegt werden. Der große Saal der Essener Lichtburg ist für eine Lesung eine ziemlich pompöse Kulisse. Als Kling hinter dem meterhohen, schweren Samtvorhang hervortritt, wirkt er winzig. Zu verunsichern scheint ihn das nicht. Obwohl fast alle 1.250 Plätze besetzt sind, setzt er sich lässig an seinen Tisch. Schon seine Körperhaltung wirkt lakonisch, die Mimik ist vom gefühlt 30 Meter entfernten Rang aus nicht erkennbar. Der Begriff Kleinkünstler bekommt hier eine ganz andere Bedeutung. Die Akustik ist jedoch perfekt. Nonchalant überspringt er die ersten 136 Seiten der „Die Känguru-Offenbarung“: „Wer jetzt bei dem ersten Teil der Lesereise nicht dabei war…Pech gehabt.“

Das Finale der Reihe handelt von der Jagd nach dem konspirativen Pinguin, den Kling und sein pelziger Genosse bis in die USA verfolgen. Weiter verschlägt es sie nach Toronto, Brüssel, Caracas, wieder nach Toronto und schließlich nach Vietnam, dem eiskalten Gegner immer dicht auf den Fersen.

Formal hat sich auch im dritten Teil der Erfolgsserie nicht viel geändert. Die einzelnen Episoden der Geschichte um das Schnapspralinen verzehrende und Nirvana verehrende Beuteltier und seinen besten Freund hängen gewohnt lose zusammen. Kling wechselt dabei behände zwischen verschiedenen Gattungen. Was die Form betrifft, gelingt ihm in der Literatur, wofür heutzutage vor allem die US-amerikanische Fernsehserie gefeiert wird – das Känguru möge mir diesen Vergleich aus dem Kernland des Kapitalismus nachsehen.
Mal ist eine Episode medienübergreifende Genreparodie, mal werden die Erzählkonventionen gänzlich ad absurdum geführt. Liebgewonnene Running Gags und Verweise auf Hoch- und Populärkultur kommen hinzu, wahlweise präsentiert in schnoddriger Sprache oder pointiertem Wortwitz. Stoisch markiert Kling jedes gelesene Kapitel mit einem Stempel der Kategorie „Witzig“ respektive „Nicht witzig“, gemessen am Applaus des Publikums. Letzterer kommt kaum zum Einsatz.

Inhaltlich ist „Die Känguru-Offenbarung“ ebenfalls wieder alles andere als seichte Kost. Grundwissen in Politik, Kultur und Historie setzt Kling bei seinem Publikum voraus. Förderlich sind diesmal auch rudimentärste Englischkenntnisse, auch wenn die Sprachbarriere bei einer in den USA spielenden Geschichte ebenso elegant wie simpel gelöst ist. Die Kritik kommt dabei aber nie plump von oben herab, sondern verulkt auch die Pseudointellektuellen und Möchtegern-Künstler dieser Welt, Selbstironie inklusive. Klings Herz schlägt aber links, auch wenn auf der finalen Verfolgungsjagd weniger das rechte Spektrum gemobbt und dafür Konsumgeilheit und Kapitalismus persifliert werden. Nazis werden nicht geboxt, dafür marodieren aber Lobbyisten wie Prostituierte durch die Brüsseler Innenstadt und internationale Bankenratings werden als aus dem Lüllerest eines Bierglases gelesener Humbug entlarvt.

Kling, seit mehr als zehn Jahren auf Bühnen unterwegs, ist aber erfahren genug, noch Luft nach oben zu lassen. Zwar erfahren wir an diesem Abend mehr über die Aktivitäten des asozialen Netzwerkes, treffen auf die ehemalige Punk-Band des Beuteltiers und es wird endlich enthüllt, welche Rolle das Känguru tatsächlich beim Vietcong gespielt hat. Wer aber wissen will, wie die Jagd nach dem Pinguin endet, muss sich bis zum 10. März gedulden, wenn „Die Känguru-Offenbarung“ offiziell gedruckt und als Hörbuch erscheint. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Wer am 15.1. nicht dabei gewesen ist hat – richtig, Pech gehabt.

Autor

MAXI BRAUN

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