„Wir mussten uns mit jeder Produktion neu erfinden“

Bei der Weibsteufelprobe, Foto: glassbooth

„Wir mussten uns mit jeder Produktion neu erfinden“

Jens Dornheim und „Der Weibsteufel“ in Dortmund

Regisseur und Schauspieler Jens Dornheim und sein Theater Glassbooth sind 15 Jahre auf der nordrhein-westfälischen Off-Szene unterwegs. 14 Stücke wurden erfolgreich inszeniert. Das 15. „Der Weibsteufel“ hat im Theater im Depot Premiere.

trailer: Herr Dornheim, 15 Jahre Off-Theaterszene mit Glassbooth. Warum tut man sich das eigentlich an?
Jens Dornheim: Nur aus Leidenschaft. Man muss für die Sache brennen. Und ich glaube, ich brenne immer noch und immer mehr für diese Sache, trotz aller Widrigkeiten, die es natürlich gibt. Das große Manko hängt wie immer an der Finanzierung. Da brauchen wir uns nichts vormachen, aber Jammern können wir alle gut. Das durchzuziehen über so eine lange Distanz trotz einiger sehr, sehr harter Strecken – darauf bin ich stolz, dass ich das durchgehalten habe.

Schielt man da nicht doch dann und wann auf die Theater, die dauerhaft mit öffentlichen Mitteln finanziert werden?
Ich hätte durchaus Interesse auch mal an einem Großen Haus – oder auch einem Kleinen Haus – eines städtischen Theaters zu inszenieren. An der Freien Szene – oder noch besser an meiner Theatergruppe Glassbooth – schätze ich aber, dass ich machen kann, was ich möchte. Da muss ich keine Kompromisse eingehen, was den Stoff angeht.


Zur Person:
Jens Dornheim (45) ist künstlerischer Leiter und Mitbegründer der Theatergruppe glassbooth. Geboren in Dortmund und aufgewachsen in Gladbeck, studierte er in Essen Germanistik, Anglistik und Sozialwissenschaften. Seit 2008 arbeitet er auch als Schauspieler und Theaterpädagoge für die theaterpädagogische Werkstatt Osnabrück in NRW-Grundschulen, seit 2015 ist er Vorstandsvorsitzender des Theater im Depot Dortmund. Bei der Weibsteufelprobe, Foto: glassbooth

Irgendwie hat was „Künstlerisch-Masochistisches“ an sich. Früher haben das Überland- Wanderbühnen erfüllt.
Wenn damit Tourneen gemeint sind, die wir uns teilweise bis auf den Zahn antun, Stücke, die auch an nicht theateroriginären Orten spielen, für die man vor ein paar Jahren vielleicht sogar belächelt worden wär… ja, vielleicht steht das in dieser Tradition. So muss ich beim Bühnenbild immer bedenken in welchen Räumen das gezeigt wird. Kann ich das wirklich variabel überall hin transportieren? Das mache ich immer, weil wir kein eigenes Haus haben. Ich bin das einzige Bindeglied bei Glassbooth, wir mussten uns ja mit jeder Produktion quasi neu erfinden. Insofern habe ich auch mit so vielen Leuten gearbeitet und stehen in unserem Jubiläumsbuch an die 70 Personen.

Mobilität und Einschränkung muss aber nicht zwangsläufig zu einem künstlerisch schlechten Ergebnis führen?
Die Mobilität führt nicht zwangsläufig zu einem schlechteren Ergebnis. Man hat halt nicht auf allen Bühnen die gleichen Möglichkeiten. Ich kann zum Beispiel im Dortmunder Theater im Depot viel größere Bühnen aufbauen als im Magazin in Gladbeck. Aber auch dort habe ich eine Lösung gefunden, wie wir das gleiche Bühnenbild etwas kompakter zeigen können.

Wer bezahlt eigentlich dieses Häuflein aus Profis und Laien, die preiswert Kulturarbeit in der Fläche leisten?
Zum Glück mittlerweile auch das Land NRW, die Kommunen, die Städte und immer auch Sponsoren. „Der Weibsteufel“ ist eine Koproduktion mit dem Theater im Depot, was sicherlich auch geholfen hat. Ich bin sehr glücklich darüber, dass bei der Bezirksregierung mittlerweile erkannt worden ist, dass wir eine qualitativ hochwertige Arbeit machen, obwohl wir Literaturtheater zeigen – etwas, das unter freien Gruppen schon fast verpönt ist. Das macht heutzutage doch keiner mehr.

Zum Jubiläum mit „Der Weibsteufel“ österreichisches Volkstheater von Karl Schönherr? Das versteht im Pott doch keiner.
Das ist richtig. Das Stück war eine Idee der Hauptdarstellerin Alexandra Lowygina und mit der wollte ich unbedingt zusammenarbeiten. Dann habe ich das gelesen und war total gefesselt. Ich finde, es ist ein ziemlich emotionsgeladenes, finsteres Drama, etwas also, das zu Glassbooth durchaus passt. Nur eben in bayrischer Mundart verfasst. Ich habe also Ulrich Penquitt angerufen, mit dem ich auch zusammenarbeiten wollte und habe ihm gesagt, hier ist ein tolles Kammerspiel, das hat eine große Wucht, aber die werden uns bei der Bezirksregierung mit dem bayrischen Stück ohrfeigen und das zu Recht. Und so haben wir das transferiert, denn es spielt ja 1915 nur in einer Stube im Bayrischen Wald. Bei uns befinden wir uns jetzt 1925 im Ruhrgebiet. Da wurde auch geschmuggelt. Und wir machen aus dieser urbayrischen Frau eine russische Einwanderin und der ehemalige Jäger wird zum Soldat vom Freikorps aus der Zeit. Die Idee hat den Förderern sehr gut gefallen, weil wir die Region miteinbezogen haben. Aber es ist nicht komplett im Ruhrgebietsdialekt gesprochen, das hätte ich auch nicht gut gefunden.

Die Lady in Red? Der Weibsteufel im Ruhrgebiet, Foto: glassboothDie Lady in Red? Der Weibsteufel im Ruhrgebiet, Foto: glassbooth

15 Jahre sind vergangen, wann wird es Zeit selbst über 6 Gramm Caratillo nachzudenken?
Das ist eine gute Frage. Ich habe wohl nur einmal in den ganzen 15 Jahren kurz daran gedacht, nicht ans fantasierte Gift von Horst Bieneck, sondern die Brocken einfach hinzuschmeißen. Das war nach „Satansbraten“. Denn da ist damals einfach sehr, sehr viel schief gelaufen. Ich habe fälschlicherweise geglaubt, dass die Produktion ein Hit würde, eine andere Produktion wurde nicht finanziert, ich konnte keinen neuen Antrag schreiben und so fort. Da war wirklich der Moment, wo ich dachte, ich höre jetzt auf und mache was anderes. Dann habe ich „Das Produkt“ aus der Schublade gezogen und meine beiden Darsteller Dominik Hertrich und Alexandra Schlösser haben mir damals die Berufung zurückgegeben. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

„Der Weibsteufel“ | 26.(P), 27.10., 8., 9.11. je 20 Uhr | Theater im Depot Dortmund | 0231 982 23 36

INTERVIEW:

PETER ORTMANN

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