„Menschsein muss man sich leisten können“

Foto: Thilo Beu

„Menschsein muss man sich leisten können“

Sascha Hawemann inszeniert „Liliom“ am Theater Bonn

Sogar Giacomo Puccini wollte „Liliom“ vertonen, was sein Autor Ferenc Molnár strikt ablehnte. Da hatte sich allerdings der Film des Stücks bereits bemächtigt. Es war das Melodramatische, das Film und Oper reizte. Doch in „Liliom“ steckt mehr. Im Zentrum steht der gleichnamige Vorstadtstenz, der auf der Kirmes der große Star ist. Als er sich in Julie verliebt, verliert er seinen Job. Als seine soziale Situation immer drängender wird, reagiert er mit Gewalt. Schließlich lässt er sich zu einem Raubüberfall überreden, der allerdings schiefgeht. Liliom ersticht sich, um der Verhaftung zu entgehen und landet im Himmel. Nach 16 Jahren darf er wieder auf die Erde, um etwas Gutes zu tun, versaut die Gelegenheit aber erneut. Die Uraufführung 1909 geriet zum Desaster, danach reichte der Erfolg bis nach Hollywood. Ein Gespräch mit Sascha Hawemann, der „Liliom“ am Theater Bonn inszeniert.

choices: Herr Hawemann, Hollywood hat „Liliom“ 1921 und 1930 verfilmt. Wie groß ist der Kitschfaktor des Stücks?
Sascha Hawemann: Der Erfolg des Stücks basiert auf einem großen Missverständnis. Wir kennen in Deutschland nur die Übersetzung von Alfred Polgar, die sehr anheimelnd, angekitscht und süßlich ist. Es gibt eine ungarische Urfassung, die nicht so weich und rührselig klingt. Molnár warGerichtsreporter und aus dieser Erfahrung hat er das Stück entwickelt. „Liliom“ ist einSozialdrama, ein Drama der Misere in den Formen des Balladesken und Moritathaften, also den damaligen Comics der Armen.

Also Märchen und Sozialdrama in einem?
Man kann das Stück auch gradlinig und rigoros erzählen, man kann aber auch Zirkus daraus machen. Diesen Genremix, das Heterogene sehen viele Interpreten als Problem. Ich habe mich aber genau deswegen für „Liliom“ entschieden. Man muss sich die Frage stellen, was dieses Märchen bedeutet. Man kann sich auch aus einer Misere hinausträumen. Man hat das im frühen 20. Jahrhundert mal den magyarischen Illusionismus genannt. Eine Sehnsucht, sich hinauszuträumen aus der Misere eines kleinen Landes und eines unverstandenen Volkes. Die Form des Märchens ist also nicht aufoktroyiert. Sie entspringt einer Sehnsucht und muss aus den Figuren heraus gesponnen werden. Ich will also etwas über soziale Misere und Pauperisierung erzählen, zugleich habe ich aber auch Interesse am Melodramatischen dieses Stücks.

Zur Person:
Sascha Hawemann, Jahrgang 1967, studierte Regie in Belgrad und Berlin. Von 1995 bis 2000 war er Hausregisseur am Hans Otto Theater Potsdam, seitdem arbeitet er als freier Regisseur. Von 2008 bis 2013 inszenierte er als Hausregisseur am Centraltheater Leipzig. „Liliom“ ist seine zweite Inszenierung am Theater Bonn. Foto: Thilo Beu

Beschreibt die Welt der Schausteller heute überhaupt noch eine soziale Realität?
Ich kann mich noch gut an Rummelplatz, Kettenkarussell und halbkaputte Pferde erinnern. Es gibt diese Orte nach wie vor. Das sind die Vergnügungsstätten der Arbeiterklasse, der einfachen Leute oder der kleinen Dienstleister. Es ist nach wie vor der bunte Ort des Versprechens und Vergnügens; der Ort, an dem Illusionen für Leute verkauft werden, die 499 Euro im Monat verdienen. Ich lasse das Stück schon im Milieu der Schausteller, habe aber kein Ringelspiel oder Karussell auf der Bühne, sondern zeichenhafte Entsprechungen.

Aus einem Hendelfanger und einem nichtsnutzigen Kerl, da kann auch noch ein Mensch werden“, sagt Liliom.
Menschsein meint hier, Teil einer bürgerlichen Welt, Teil einer sozialen Vereinbarung zu sein. Doch das ist auch eine Frage des sozialen Determinismus. Wenn ich Mensch wäre, müsste ich nicht schlagen. Wenn ich keine Sorgen hätte, müsste ich kein Arschloch sein. Menschsein muss man sich leisten können. So aber bin ich gewalttätig, ich gehe nicht arbeiten, saufe und werde irgendwann ein Verbrecher. Das ist eine soziale Frage.

Was macht Liliom trotzdem so attraktiv?
Die Freiheit des Asozialen, des Frechen und Unangepassten. Am Anfang ist das ´ne Marke zu sagen, mir ist alles egal, kommt her, ich lad alle ein, ich habe keine Verantwortung. Ich denke dabei immer an Rock’n’Roll. Liliom ist ein Rocker, seine Band ist das Karussell, heute hier, morgen dort, dazu die Groupies. Er hält sich an keine Konvention. Interessanterweise waren die Schausteller früher im Osten wie Rockstars. Das waren Anarchisten, die alle schon mal im Knast gewesen waren. Die hatten keine Angst vor Autorität. Das fahrende Volk war wirklich ein freies Volk. Liliom muss kein schöner Mann sein, er muss eine innere Freiheit ausstrahlen.

Kann unter der Prämisse die Beziehung zu Julie überhaupt funktionieren?
Das gemeinsame Kind ist eine Chance, da gehen Türen auf. Das muss man als Metapher verstehen. Was ist denn Glück, wenn kein Geld da ist: Wenn plötzlich ein Kind da ist. Der Autor verschenkt Glück an seine armen Figuren. Mit Arbeit wird es nichts, doch das Kind ist eine Perspektive. Ich glaube, dass sich zwei Ertrinkende trotzdem halten können, auch wenn sie unterzugehen drohen.

Was ist mit der Gewalt zwischen Liliom und Julie?
Die Rigorosität der Gewalt im Stück ist kaum zu erzählen. So wie es notiert ist, ist es an der Zumutungsgrenze. Ich nehme das trotzdem ernst. Es ist die Frage, wie man die Gewalt dosiert einsetzt und sagt, wo sie herkommt. Es gibt fatale Beziehungen, in denen sich die Partner auch gegen die Welt solidarisieren. Man hat nichts anderes. Entsteht dann der Gewaltakt aus der Verzweiflung, ist er schneller verzeihbar. Es geht nicht um zielgerichtete Gewalt gegen Julie. Liliom quält Julie nicht, er ist kein Sadist, sondern schlägt wild um sich in dieser Schneekugel der Verhältnisse.

Am Ende bringt sich Liliom um.
Liliom macht eine klare Entwicklung durch. Er fällt innerhalb von einem Bild: Im ersten Bild geht noch alles, im nächsten Bild ist alles weg. Ich habe einen älteren Liliom. In dem Alter arbeitslos zu werden, ist kein Spaß. Er sagt im Stück, er hätte keine Lust zu arbeiten. Eine vermeintliche Information, die zu einer Schutzbehauptung wird. Hinter der Behauptung verbirgt sich der Reststolz eines 55-jährigen Menschen. Er verteidigt einen Rest von Freiheit auf der untersten Stufe vor der sozialen Entmündigung und sagt: Ich will gar nicht mehr mitmachen, ich brauch das Arbeitsamt gar nicht. Er schützt sich mit einer Kraftbehauptung vor der völligen Entwürdigung. Doch alles weist darauf hin, dass er es nicht erträgt, nichts mehr zu haben. In den 1990er Jahren konnte man zum Beispiel in Chemnitz nicht leben, da gab es keine Arbeit. Das ist im Stück genauso: Es gibt keine Perspektiven. Das ist die soziale und politische Realität des Stückes. Es ist lächerlich, dass man von der zunehmenden Pauperisierung in Deutschland nicht spricht. Alles wird zugetüncht mit Sprüchen von der Konjunktur. Das soziale Problem ist aber nach wie vor da und das ist einer der Gründe, warum ich dieses Stück mache.

„Liliom“ R: Sascha Hawemann | 15.(P), 21., 26.2., 8.3. 19.30 Uhr | Theater Bonn | 0228 77 80 08

INTERVIEW:

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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