Mehr braun als notwendig

„Schimmelmanns“, Foto: Katrin Ribbe

Mehr braun als notwendig

„Schimmelmanns“ in Oberhausen

Demenz und Blindheit sind keine Entschuldigung für Neonazitum. Eine Familie dicht am Rande des braunen Nervenzusammenbruchs, Missbrauch, Mord und schwindelnde Bühne. Nun es war der furiose Auftakt in eine neue Ära in Oberhausen. Intendant Florian Fiedler inszeniert die Uraufführung von „Schimmelmanns – Verfall einer Gesellschaft“, dem neuen Stück von Mario Salazar. Bei dem Familiennamen assoziiert man erst einmal deutsch-dänischen Sklavenhandel im 18. Jahrhundert, der Vergleich scheint angebracht, Salazars Familiengruft im Stück hätte da keine Probleme gehabt. Anlass der Zusammenkunft ist das endgültige Ableben des Familien-Oberscheusals. Kinderficker, Nazi natürlich, Vergewaltiger an allen Fronten, aber eben auch deutscher Patriot. Salazar mixt die Handlung durch alle absonderlichen Abgründe, dass die Regie kaum mitkommt – manches verschwindet im sprechenden Volksempfänger, vieles bleibt unverstanden angesichts des mehrreihigen Blinkens und Dauergequatsches der Smartphone/Facebook-Generation hinter mir. So prickelnd scheint es für die jedenfalls nicht gewesen zu sein, trotz grandioser Livemusik (Martin Engelbach) und ab und an Discokugel-Feeling und schwarzweiße Nürnberg-Spots.

Den gesellschaftlichen Diskurs fechten die beiden Halb-Geschwister in schwarzem Latex aus. Mit kernigen AfD-Slogans und linksautonomer Flachlogik gehen die Halbschwestern in der Nacht aufeinander los. Bruder Toni ist nach Amerika (San Carlos de Bariloche etwa?) ausgewandert und macht den Clown im Zirkus von „Nazi-Krüger“. Alles nett, alles irgendwie sandgestrahlt, von der behaupteten „Nazi-Horror-Boulevard-Dramödie“ ist die Inszenierung allerdings ziemlich weit entfernt, manches im Plot dagegen erinnert an etwas Undefinierbares, wie Teile des Bühnenbilds mit Hirschgeweih. Ansonsten wird der Zuschauer das Gefühl nicht los, der Autor hätte Angst gehabt, irgendeine braune Schandtat oder wenigstens die zeitgenössische Möglichkeit dazu zu vergessen, und so kann man kaum noch etwas im Müllhaufen der aberwitzigen Geschichte erkennen. Skurrilität und witzige Einfälle hat die Inszenierung genug. Nach dem Schimmelmannschen Abendmal geht die finale Post ab und wieder zu und zu allem Überfluss taucht Urgroßvater Arius auf, SS Hauptsturmbannführer a.D., und erschießt die Farbige Linke in Latex.

„Schimmelmanns – Verfall einer Gesellschaft“ | R: Florian Fiedler | So 8.10. 18 Uhr, Sa 30.9., Fr 13.10., Mi 18.10. je 19.30 Uhr | Theater Oberhausen | 0208 857 81 84

Autor

PETER ORTMANN

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