Malerei ohne Farbe

Jean-Auguste-Dominique Ingres und Werkstatt, Odalisque in Grisaille, um 1824-1834, The Metropolitan Museum of Art, Catharine Lorillard Wolfe Collection, Wolfe Fund, 1938, Foto: © bpk ? The Metropolitan Museum of Art

Malerei ohne Farbe

„Black & White“ in Düsseldorf

Der Titel ist ein bisschen irreführend. Die Ausstellung im Düsseldorfer Museum Kunstpalast ist zum Glück nicht marktschreierisch, zu sehen ist vielmehr eine grundsolide, hochkarätige Zusammenstellung aus der Geschichte der Malerei vom Mittelalter bis heute. Und die Farben der Bilder sind eben weder Schwarz noch Weiß, sondern, aus diesen gemischt, Grauabstufungen. Dieses Thema wirft die Frage auf, warum die Künstler das Grau den Buntfarben vorgezogen haben. Die Ausstellung führt die jeweiligen, zu verschiedenen Zeiten vorherrschenden Gründe an: die im Verzicht auf Farbe gesteigerte religiöse Andacht des Mittelalters und, in der Renaissance, den Wettstreit der Kunstgattungen mit der Befähigung des Grau, Plastizität (und damit Steinskulpturen) wiederzugeben. Den Realismus in der Wiedergabe von Licht und Schatten. Und bis heute die Steigerung der Wahrnehmung sowie die Neutralisierung und Loslösung von Emotionen.

Eine Referenz ist die s/w-Fotografie, die – etwa bei den Gemälden von Gerhard Richter und Chuck Close – zitiert und sozusagen einverleibt wird. Ebenso spannend sind der frühe Altar von Marten de Vos, dessen graue Flügel mit der Darstellung der Verkündigung Marias in der Fastenzeit die bunten Schilderungen der Kreuzigung und der Auferstehung verdecken, oder die Lichtstudien von Rembrandt und die Grisaillen von Hendrik Goltzius und Ingres. Für die Moderne wären besonders Picasso und Giacometti zu erwähnen, wobei Picasso wiederum die ausgestellte „Odalisque“ von Ingres paraphrasiert.

Der zweite Teil der Düsseldorfer Ausstellung, die von der National Gallery in London übernommen wurde, widmet sich dann dem 20. Jahrhundert – und wird hier streckenweise konzeptionslos, was aber etwa durch Werke von Jasper Johns oder Roman Opalka aufgefangen wird. Schade, dass mit Alan Charlton der Grau-Maler schlechthin fehlt; auch Bernard Schultze mit seinen Grisaillen oder Ben Willikens wären ideale Ergänzungen. Mit der Installation von Hans Op de Beeck endet die Ausstellung aber dann doch furios: Hier dient das begehbare graue Interieur der Entfremdung. Mit Grau ist alles anders!

Black & White | bis 15.7. | Museum Kunstpalast Düsseldorf | 0211 56 64 21 00

Autor

THOMAS HIRSCH

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