„Kunstvereine müssen ihre Entdeckerfunktion ausüben“

Meike Behm, Foto: Peter Lütje

„Kunstvereine müssen ihre Entdeckerfunktion ausüben“

ADKV-Vorsitzende Meike Behm über Kunstvereine damals und heute – THEMA 11/18 Solidarisch Vernetzt

choices: Frau Behm, Kunstvereine kamen zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf. Was war der Anlass?
Meike Behm: Das war die Zeit des Vormärz, als vor allem Klerus und Adel die Hauptauftraggeber für die damalige Kunst waren. Um deren Macht zu brechen, hatten sich in der bürgerlichen Schicht um 1800 die Kunstvereine gegründet, die die damals zeitgenössische Kunst fördern wollten – das waren vor allem Vertreter der Romantik wie Caspar David Friedrich oder Carl Blechen. Ihr Ziel war es, die Herrschaft der Obrigkeit zu unterlaufen, indem die damalige Kunst der Gegenwart, gefertigt von Bürgerinnen und Bürgern, den Bürgerinnen und Bürgern vermittelt wurde. Es waren häufig bürgerschaftliche Gemeinschaften, die sich trafen und Ausstellungen organisierten, aber auch das System der Verlosung war sehr wichtig: Jedes Mitglied erhielt mit seiner Mitgliedschaft ein Los, mit dem es damals zeitgenössische Kunstwerke erwerben konnte.

Welchen Einfluss haben die Vereine auf die Entwicklung der Kunst genommen?
Neben ihrem bürgerlichen Bildungsauftrag spielten Kunstvereine tatsächlich auch eine wichtige Rolle in der Kunstgeschichte, weil sie eine Entdeckerfunktion übernommen haben. Sie sind nicht auf besucherstarke Ausstellungen angewiesen sondern haben eine gewisse Freiheit, Künstler und Themen zu präsentieren, die nicht immer in der Kunstszene etabliert sind. Deswegen orientieren sich durchaus auch Museen an den Programmen der Kunstvereine, weil dort auch die noch nicht etablierte Kunst präsentiert wird.

Welche Funktion erfüllen die Vereine heute?
Die Kunstvermittlung über Ausstellungen und begleitende Veranstaltungen ist auch weiterhin die hauptsächliche Aufgabe der heute 298 Kunstvereine in Deutschland – alle sind mitgliederbasiert. Sie organisieren Ausstellungen, Themendiskussionen, Künstlergespräche, oder auch gestalterisch orientierte Kunstvermittlung an Schulen, beziehungsweise für Kinder und Jugendliche. Kunstvereine haben den Vorteil, dass sie jeweils mit den Künstlern auf einer Ebene zusammenarbeiten und auch in Bezug auf das Künstlerische und dessen mediale Vermittlung Experimente wagen.

Welche Rolle haben die einfachen Mitglieder?
Als Mitglied fördert man die Kunst vorrangig über den Mitgliedsbeitrag. Dafür bieten die Kunstvereine viele Vorteile wie nicht nur freien Eintritt in den Verein, sondern auch in alle Vereine, die der ADKV (Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine) angeschlossen sind oder sie erhalten Ermäßigungen bei Veranstaltungen und auf Jahresgaben. Weiterhin fungieren die Mitglieder als Mittler zwischen dem Kunstverein und den Einwohnern der Städte, in denen sie jeweils angesiedelt sind.

Zur Person:
Meike Behm (geb. 1966) ist seit 2009 Geschäftsführerin des Kunstvereines Lingen und seit 2014 die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine (ADKV). Sie hat Kunstgeschichte, Architektur und Literatur studiert, arbeitete als Kuratorin im Raum Frankfurt und als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kunstverein Hamburg. Foto: Peter Lütje

Wer wird überhaupt Mitglied?
Das ist eine ganz heterogene Gruppe – vor allem Bürgerinnen und Bürger einer Stadt – darunter sind natürlich viele Künstlerinnen und Künstler oder kunsthistorisch interessierte Menschen. Es geht im Grunde einmal querbeet durch die heutige Gesellschaft.

Viele Vereine haben einen internationalen Anspruch, bleiben aber in einen regionalen Kontext eingebettet. Wie gehen sie mit dieser Spannung um?
Viele haben sich sicherlich das Credo gesetzt, möglichst national und international relevante Positionen zu präsentieren – allgemein besteht der Bildungsauftrag in der Vermittlung zeitgenössischer Kunst, die aktuelle gesellschaftliche, politische philosophische oder auch soziologische Fragestellungen diskutiert. Es gibt aber auch in vielen Vereinen die Möglichkeit der Mitgliederausstellungen, in denen auch regionale Künstler die Möglichkeit haben, ihre Werke auszustellen. Nicht zu unterschätzen ist hingegen das Angebot aller Kunstvereine gegenüber einem regionalen Publikum Inhalte zu vermitteln, die Aspekte der heutigen Welt im Zeitalter der Globalisierung reflektieren.

Um 2010 herum las man oft von einer Krise der Kunstvereine. Worin bestand sie?
Das hing damals schlicht mit der Finanzkrise zusammen. Viele Vereine hatten empfindliche finanzielle Einbußen, was es für einige sehr schwierig machte, das hohe Niveau der Ausstellungen zu gewährleisten.

Wie stellt sich die Situation heute dar?
Auch wenn vielleicht von einer Krise nicht mehr die Rede sein kann, sind alle Kunstvereine auf Förderung durch die einzelnen Bundesländer, die Stadt sowie viele Kultur unterstützende Stiftungen angewiesen. Trotzdem können wir als ADKV viele Neugründungen verzeichnen. Es scheint nach wie vor wichtig zu sein, über die Gründung eines Kunstvereins, aktuelle Themen an Bürgerinnen und Bürger zu vermitteln. Die meisten Vereine sind zwar ehrenamtlich geführt und nicht hauptamtlich, aber alle leisten bei der Kunstvermittlung eine gute und wichtige Basisarbeit.

Gibt es Hilfe durch die Politik? Ist sie überhaupt erwünscht?
Natürlich wollen die Vereine so unabhängig wie möglich bleiben. Alle Kunstvereine tragen zu einem über die Stadtgrenzen wirkenden positiven Image bei, es wäre mein Wunsch, dass Kultur endlich als harter Standortfaktor gilt.

Vereine sind etabliert. Gibt es neue Entwicklungen, die ihnen Konkurrenz machen?
Es gibt inzwischen durchaus eine ganze Reihe von Ausstellungsräumen, die aus künstlerbasierten Organisationen hervorgegangen sind. Ich würde aber nicht sagen, dass diese in Konkurrenz zu den Kunstvereinen stehen, denn diese können oft nicht die finanziellen und logistischen Möglichkeiten einer Institution bieten. Die Kunstvereine zeigen regional, national und international bekannte Künstler im Rahmen eines breit angelegten Bildungsauftrages.

Wie sieht die Zukunft der Kunstvereine aus?
Aktuell stehen die Vereine vor der Herausforderung, dass viele Museen inzwischen beginnen, selbst wenig etablierte Kunst auszustellen. Das berührt natürlich ein wenig unser Kerngeschäft und die Vereine müssen sich ein wenig mehr bemühen, weiterhin ihre Entdeckerfunktion auszuüben und noch nicht etablierte Kunst zu zeigen. Das ist durchaus eine Herausforderung. Kunst am Puls der Zeit zu vermitteln in engem Kontakt mit den Kunstschaffenden und dem Publikum – dies ist und bleibt auch in Zukunft die hauptsächliche Aufgabe der Kunstvereine.

INTERVIEW:

CHRISTOPHER DRÖGE

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