Ein Teller ist sich nie zu schade

Der Meister hoch zu Esel Juergen Teller, Plates/Teller, No.75, 2016 © J. Teller

Ein Teller ist sich nie zu schade

Starfotograf Juergen Teller in der Bonner Bundeskunsthalle

„Come, as you are, as you were, as I want you to be.“Da saß ein Wuschel Haare über eine alte Fender Jaguar gebeugt. Die Schwarzweiß-Fotografie wurde eine von den ganz berühmten über einen Musiker, den 1991 nur wenige kannten, dessen Leben sich dann aber schnell ziemlich drastisch ändern sollte, wie auch das Leben des Fotografen. Juergen Teller war damals Leib- und Magenfotograf der Band Nirvana. Zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Aber da ist er seitdem geblieben. Immer in der Zeit und immer an wichtigen Orten. Teller hatte sie alle, von Hollywoodstars über Beautyqueens bis Promi-Diven. Die große Madonna soll sich gar vor ihm gefürchtet haben. Als Fotograf hat er für Helmut Lang und Hugo Boss gearbeitet, er kennt viele echte „Icons of the world“, lebt seit drei Jahrzehnten in London und doch – irgendwie ist etwas aus dem Fränkischen an ihm hängen geblieben. Dort ist er nämlich in Erlangen (wieder mal Wissenswertes) geboren und lichtete die Heimat auch gern ab und an mal ab. Ein paar sind gerade in Bonn zu sehen.

Dort zeigt die Bundeskunsthalle seine Ausstellung „Enjoy Your Life“. Doch wer würde sich Bilder von einem Fotografen ansehen, der im Bademantel mit abgeschnittener Bommelmütze einen Stapel weiße Teller über die Straße trägt? Und der seine Fotografien auf genau solche Teller drucken lässt und sie als Werkgruppen unter Vitrinen legt? Der Weg zur Präsentation führt nach „Siegerflieger“ und „Pep Guardiola“ im Foyer erst einmal im Treppenhaus vorbei an einer gewissen Kim Kardashian in hautfarbener Unterwäsche und halterlosen Strümpfen. Tellerpose: Lasziv auf einem Erdhaufen? Von wegen. Irgendwie sieht das Foto so nebenbei aus, so mächtig der Hügel, so mächtig der Hintern. Irgendwie nicht. Retuschiert soll er sein, abgespeckt. Respekt. Hätt‘ ich von Teller nicht gedacht. Die Ergebnisse des Shootings erschienen im letzten Jahr im Fotoband „Kanye, Juergen & Kim“, ja der Mann mit der abgeschnittenen Bommelmütze watet darin in Unterhose durch einen Bach. Es war wohl ein sehr langer Weg von Kurt zu Kim.

„Plates/Teller“ heißt eine neue Serie, sie wird in der Bundeskunsthalle zum ersten Mal öffentlich gezeigt. Zu sehen: Der Meister nackt auf einem Esel im stylischen Kanzlerbungalow (Plates/Teller, No.75, 2016), Eva Herzigová mit weißem Teller im Irgendwo, ein Teller ist bei diesen „seriellen“ Geschirrbildern eben auf jedem Foto. Ist keiner zu sehen, ja dann ist es ein Selbstportrait. Aber es sind auch Szenerien mit Teller in der Serie: Mitarbeit an einem Baum, oder Werbeplakate für Möbel mit einem Bein des Fotografen darauf. Um es mit dem Pinball Wizard zu sagen: What makes him so good? Auch Teller spielt mit viel Intuition, er ist brutal authentisch, mit einer Ästhetik, die Betrachter extrem polarisiert. Aber er hat auch Charisma, Witz – und wahrscheinlich auch viel Charme, wenn man die Aktfotografien von Charlotte Rampling im Louvre oder das Triptychon von Vivienne Westwood kennt und weiß, das würden die Göttinnen nicht für jeden Sterblichen tun.

„Juergen Teller. Enjoy Your Life!“ | bis 25.9. | Bundeskunsthalle Bonn | 0228 917 12 00

PETER ORTMANN

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