Die Netzhaut und flinken Bilder

„hell / ein Augenblick“ Foto: Birgit Hupfeld

Die Netzhaut und flinken Bilder

Kay Voges‘ Stückentwicklung „hell / ein Augenblick“ im Dortmunder Megastore

Der Abend beginnt mit Dortmunder Flutlicht. Obwohl sich die Fläche des Megastores doch in eine Dunkelkammer verwandelt sollte. Die Flüchtigkeit des Augenblicks stellt sich noch nicht ein, der Schalter wird gedrückt, mir wird schwarz vor Augen, mir ist lange schwarz vor Augen, aber Friederike Tiefenbacher spricht dabei einen mir unbekannten Schöpfungsmythos, der vom unendlichen einfachen Licht zum einzigen Lichtstrahl führt und so alle Welten, alle Zeiten, entstanden. Es blitzt, 1/50 Sekunde Licht, der Raum ist noch da. Zwei Projektionswände und weit entfernt ein rechteckiger weißer Raum, der pastellfarbig geleuchtet wie ein Zitat auf eine James-Turrell-Arbeit wirkt.

Hier agiert in der Theater-Stückentwicklung „hell / ein Augenblick“ von Regisseur Kay Vogesder Fotograf Marcel Schaar als Livebild-Produzent, der die hellen Phasen mit Schnappschüssen füllt, mit Zitaten, mit blitzartigem Bewegungs-Eis und Erzählungs-Serien. It‘s not a trick, it‘s a Canon. Doch wer verbürgt die Authentizität, der via WLAN und Splitter durch den Äther geschossenen digitalen Daten? Die reale Zeit wird hier zum artifiziellen Fake, zur konstruierten Unsicherheit, zum inszenierten Dialog zwischen den gesammelten, choreografierten Textbausteinen und der gereizten Netzhaut der Zuschauer. Dunkelheit, Blitz, Bild, Bewegung, gefrorene Geste. Die Abläufe sind seriell, sie nutzen ab, die große Idee hinter der Inszenierung bleibt indes unangetastet.

Auch das Ensemble bewegt sich in diesem Rhythmus. Dunkelheit ist Bewegungszeit, das reproduzierte Bild schafft Stillstand, Innehalten bei Tanz und Weg, nur im Fotoraum ist Bewegung, ist Lautstärke, ist Reaktion. Was ist der Mensch? Die großen Fragen transportiert der Text, das Bild ist Beiwerk, die Emotionen trägt der Spieler, seine Momentaufnahme, hallt ihn oft nur wieder. Die großen Portraits sind es, die langfristig Wirkung zeigen, die Furchen, die Augen, der starre Blick, gefroren auf die 1/50 Sekunde. Zuschauern mit Dunkelangst und einer Neigung zur Epilepsie wird dringend von einem Besuch abgeraten, doch wer will jetzt noch umkehren? Da gibt es Akteure mit Pistolen, da wird der Arsch hingehalten und das Gesicht gesehen, zum Lachen kommt niemand, es blitzt schon wieder, Friederike Tiefenbacher hinter dem Burkaschlitz, Marlena Keil im Nonnengewand. Bei Charles Bukowski ist Uwe Schmieder nackt und es wird nicht das letzte Mal sein. Kay Voges versucht mit surrealen Bildern, vor und auf der Projektion Bedeutung zu generieren, doch oft wechseln die Geschwindigkeit und der Rhythmus des Textes und seiner einzelnen Passagen zu schnell, die Seele der jeweiligen Autoren passen nicht immer in die Harmonie des gezwungenen Lichts.

Selten wird sich offen gegen die Kamera gewehrt, oft bietet sich der Protagonist an, bietet Posen, reagiert auf Anweisungen. „Ich möchte nicht fotografiert werden“, sagt eine weibliche Stimme. Selbstbestimmtheit, während die Herde Mensch vorüberzieht? Nein, es ist Ferdinand Nietzsche, der das Glück der Tiere betrachtet und über ihre Unfähig zur Beschreibung sinniert. Die Halle bleibt dunkel. Die Erinnerungen wandern in die erst kurz vergangene Vergangenheit, an Krieg, an Tod, den kleinen Jungen am Strand. Wer bestimmt den Augenblick? Wer wählt die Datei? Wann wurde das alles verabredet? Just a Perfect Day. Lou Reed. Mit allen Plattitüden, die das Bild zu bieten hat, mit aller Wucht, die nur ein gefrorener Bruchteil aufbringen kann, treibt Voges die Bilder weiter, bis uns das Weibliche hinan zieht. In einen Himmel, in den Christoph Schlingensief nie wollte. Weil der gar nicht so schön sein könne, wie es hier ist. Björn Gabriel lässt die Seele wieder stocken. So viele Jahre, so viele Fotos, so viele Sekunden, und immer noch trifft der Satz an diesen Gott: „Dass du ein Glückskind wie mich einfach zertrittst.“ Ich bete um die Schwärze vor meinen Augen. Was ist der Mensch? Doch nicht ein nackter Christus (Uwe Schmieder) mit Kreuzigungs-Pose und Dornenkrone und rundherum pathetische Nibelungen-Fighter? Aus dem Seh-Experiment entstand ein dichter Abend, der den gequälten Augen schmeichelte und den Fotografen adelte.

„hell / ein Augenblick“ | R: Kay Voges | Mi 1.3., Sa 18.3. 19.30 Uhr, So 26.3. 18 Uhr | Megastore Dortmund | 0231 502 72 22

Autor

PETER ORTMANN

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