Die Krankheit der Jugend

„Clockwork Orange“, Foto: Sabine Michalak

Die Krankheit der Jugend

Maximilian Strestik inszeniert „Clockwork Orange“ im Rottstr 5 Theater in Bochum

Vorhang auf. Jetzt kommt Alex. Und ein kleines bisschen Horrorschau. Nein, nicht textfeste Tote Hosen, eher dicke Hose im Rottstr 5 Theater in Bochum. Premiere „Clockwork Orange“ von Anthony Burgess und Stanley Kubrick – oder von nur einem von beiden oder von beiden gemeinsam? Völlig unwichtig, mitten im selbsterklärten Rotten Summer zeigen das junge Ensemble der Tunnel-Bühne unterm S-Bahngleis, wo die Hammer hängen, die Baseballschläger schwingen, wo der Gulliver zwickt, der Ludwig van abspritzt und die Jugend sich selbst befreien will von der eigenen Krankheit (ups, falsches Stück, sorry, Herr Bruckner). Furios muss es sein, blink, blink, Smartphones zum Verstummen bringen und so weiter und so weiter. Die Thematik verlangt das aber eigentlich gar nicht. Spaß an Gewalt, so zeitgenössisch das scheint, ist immer auch Spaß an staatlicher Repression. Also hat Regisseur Maximilian Strestik doch irgendwann die Todesstrafen-Sehnsucht der Türken zitiert, ganz gegen die Absicht, aber mit gutem Recht.

Die Bühne des Rottstr 5 Theaters ist sich dafür Bild genug. Die schiefe Heizung, die alten Rohre und das Mauerwerk. Immer noch donnern Züge wie geplant durch jede Inszenierung. Jetzt gehen Alex und seine young’n’rotten-Rotte hier auf Beutezug. Alex unterstützt damit seine Eltern und seine Leidenschaft Musik. Das gefällt nicht allen seiner Gang, doch die Büchse der Pandora ist längst sperrangelweit offen und es ist nicht Jeannie, die aus der Bottle voller Milch in der Korova Bar entweicht – die Droogs saufen einfach die falschen Substanzen, denkt sich wohl die Regie. Und so wird man von der Messer/Speer-Version des Mischgetränks – wie vom Dauer-LSD – dazu noch schnell mal schizophren. Alex gibt es im Stück hier deshalb doppelt (Carina Borgards und Mark Tumba). Und beide sind am Ende mehr Opfer eines „Schweinesystems“, scheinen mehr Stadtguerilla als Hooligans zu sein. Und das mit einem stark überzeichneten Innimini von Lukas Vogelsang (denn er sieht nicht aus wie ein ungläubiger Thomas), der – ja wieso das denn? – auch noch die neu eingefügte Figur des Einzel-Psychopathen Dim spielt, wohl der einzige der krankhaft Spaß an kranker Gewalt hat – aber eben nicht wiedergewählt werden will oder eben nur als Panzerfahrer. Und zwischendurch hat der ungezähmte Orang (Tobias Amoriello) seinen Auftritt, der nix mit Kubricks „2001“, aber mit viel wilder Wildheit zu tun hat.

Hier wird schon klar, was es heißt „nach Motiven von Burgess und Kubrick“ zu inszenieren. Die olle Orange (irgendwann liegt die Frucht in der Ecke) muss erkennbar sein, bleibt aber auch im vergangenen Jahrtausend liegen. Denn die pseudomedizinische Lösung, die Burgess in seinem Kultbuch aus dem Jahre 1962 durchspielt, war damals zwar auch sehr effizient, heute jedoch dürfte sie längst von neuen Möglichkeiten überholt sein. Und dieser pädagogisch übermächtige Wink mit dem Zaunpfahl kommt heute in der Pokémon-Jugend eben nicht mehr an, und Strestik weiß das auch. „Es wird viel zu schnell klar, wie überholt der Roman eigentlich ist“, sagte er im trailer-Interview. Also lieber 90 neue Filmminuten produzieren mit viel Mucke, viel Tiefgang, viel Schmerz, mit Jesus reduziert aufs Idol und den Krankheiten der Jugend (schon wieder Ferdinand Bruckner), die irgendwie auch einen Akt der Selbstbefreiung brauchen.

Plot: Alex wird von Dim verraten, für einen Mord in den Knast gesteckt, den er gar nicht begangen hat, dort meldet er sich gegen den Rat des Knastkaplans für dieses Regierungs-Programm der positivenGehirnwäsche, um rauszukommen. Doch das stellt sich eher als Folter durch Arzt und Schwester (Mira Iserloh) heraus, er wird mit Gewalt und Beethoven dermaßen überflutet, dass sein Kopf rebelliert, sein Magen reihert. Dennoch hält er durch, kommt in Freiheit und in die nächste Folter. Denn derSpaß, mit Freude ein Individuum zu sein, hat aufgehört, seine Eltern (Helen Karl und Selina Liebers) verstoßen ihn. Regie und Ensemble zeigen hier auch stille Momente im Chaos; klar die Handlung ist adaptiert, dennoch eine Spurvon Menschlichkeit oder wenigstens Verzeihen ist im Apparat eben nicht vorgesehen. Die Schauspieler nutzen dafür die ganze Fläche, kokettieren mit dem Publikum, erhalten stürmischen Applaus. „Wenn‘s schee macht“, möchte man denken, doch die Szenerie und ihre Handlung wurden durch die Schauspieler immer ambivalenter, ein paar Klamauk-Ideen könnte man diskutieren, doch die Einordnung ins Theateruniversum stimmt. Kein Gewaltexzess, keine Drastik oder Scholastik waren dafür notwendig, nur Michael Jackson, eine Apfelsine und ein spielfreudiges Ensemble. Und am Ende ein Anflug von Burgess‘ letztem Kapitel, das Kubrick einst verschwieg, oder hab ich mich getäuscht?

„Clockwork Orange“ | R: Maximilian Strestik | Fr 2.9., So 2.10.19.30 Uhr | Rottstr 5 Theater Bochum | 0163 761 50 71

PETER ORTMANN

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