Bilder aus einer anderen Welt

Ugo Dossi, Serie „Kosmogenien“, Supernova, © Ugo Dossi

Bilder aus einer anderen Welt

Ugo Dossi im Osthaus Museum in Hagen

Das ist erstaunlich. Ugo Dossi nimmt mit seinen Bildern den hinteren Teil im oberen Ausstellungsbereich des Osthaus Museums ein und macht das mit einer unbeirrbaren Sachlichkeit. Die Präsentation seiner Bildserien ist an Rationalität nicht zu überbieten. Die Bilder hängen, im gleichen Format, in Reihen neben und übereinander, so dass die Serien jeweils für sich bleiben. Aber was – reduziert, aber doch ornamental, dadurch dekorativ, ohne wirklich dekorativ zu sein – an Zeichen und Symbolen unter anderem über dem Dunkel des Kosmos zu sehen ist, erinnert an Alchimie und Weissagung und verhält sich in seiner akkuraten Organisation und im Durchspielen von Typologien doch wieder wie naturwissenschaftliche Analysen. Ugo Dossi brachte es bei der Eröffnung mit einem kurzen freundlichen Einwurf zum Ausdruck: „Ich bin auch übersinnlich hier.“ Wohlgemerkt: „auch“.

Ein Leitmotiv seiner Bilder, die grafische Motive meist mit einem unfassbaren Flächenraum verbinden, ist die wirbelnde Spirale. Verwandt ist damit das Ewigkeitszeichen, das vom Möbiusband und dem Kleeblatt abgeleitet ist: Es ist schon als Signatur in viele der Bilder integriert. Ausgestellt sind in Hagen die Reihen „Vortex“, „Zodiak“, „Oracle“ und die „Kosmogonien“ sowie „Tarot“: Die Titel sind Programm. Immer handelt es sich um Modelle für das Unfassbare und für Zustände ohne Zeit und Raum, welche die großen Fragen unserer Existenz und die Schöpfung der Welt thematisieren. Ugo Dossi setzt zeichnerisch, rein als Kontur, Symbole des Lebens über dem unfassbaren Grund, der oft aus dem Schwarz des Universums mit dem weißen Leuchten längst verglühter Sterne besteht. Bei aller kompositionellen Organisation beharrt er auf dem Ausschnitt, also der Fortsetzbarkeit und dem Relativen des Sichtbaren.

Was für einen hochkarätigen Künstler der Hagener Museumsdirektor Tayfun Belgin mit Dossi eingeladen hat, wurde erst recht mit Blick auf das Eröffnungspublikum deutlich: Manfred Schneckenburger, der zweimalige documenta-Chef, war ebenso da wie Wolfgang Zemter, der über Jahrzehnte das Märkische Museum Witten geleitet hat. Und die Rede hielt Wenzel Jacob, der einstige Intendant der Bundeskunsthalle in Bonn. Schneckenburger hat Ugo Dossi auf der documenta 1987 ausgestellt, Zemter und Wenzel Jacob haben mit ihm Ausstellungen in ihren Instituten durchgeführt. Auf der Wand der Eingangshalle des Wittener Museums befand sich über zwei Jahrzehnte ein Schablonenbild, das einen Mann in gestreckter Haltung, Kopf nach hinten, zeigte: „Die relative Freiheit“. Und parallel zur Schachweltmeisterschaft 2007 präsentierte Dossi in der Bundeskunsthalle seine visuellen Diagramme zu berühmten Schachpartien als geistiger Leistung. Zur documenta wurde er aber bereits 1977 eingeladen. Die Kunst des 1943 in München geborenen Künstlers kennzeichnet die kalkulierte Balance zwischen Wissenschaften und Grenzwissenschaften, freier – spielerischer – Entscheidung und unbedingten Gesetzmäßigkeiten.

Heimliches Zentrum der Ausstellung im Osthaus Museum ist Dossis Serie auf der Grundlage von Tarotkarten. Sie umfasst zweiundzwanzig Bilder in breiten schwarzen Rahmen in zwei Reihen, gezeichnet und gemalt mit UV-Farben hinter Glas. Die Wand schaut durch und ist Teil der Bilder. Die Beleuchtung ist so, dass die Tafeln hell strahlen. Zu sehen sind Bildsymbole aus Spielkarten. Es sind mehr oder weniger rätselhafte Erzählungen und Allegorien, wie sie bereits im Mittelalter den Satz Spielkarten bebilderten. Sie erinnern in ihrer grafischen Darstellung an Holzschnitte mit Schilderungen des Minnesangs. Aber die Farben schwappen über die Konturen und die Szenen werden leicht unscharf, wenn man von der Seite schaut. – Man muss nicht alles nachvollziehen können oder das Wissen um die Spiele und die metaphysische Terminologie besitzen. Es reicht die Ahnung. Und dann steht man staunend vor den Bildern, den Serien, und wenn man die Ausstellung verlässt, hat man das sichere Gefühl, einem besonderen Augenblick beigewohnt zu haben.

„Ugo Dossi. Sinnlich und übersinnlich“ | bis 17.9. | Osthaus Museum Hagen | 02331 2073138

Autor

THOMAS HIRSCH

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