Die Nacht der kletternden Leichen

In Germany ein ganz alter Brauch: Rübermachen für die Liebe Foto: Schauspielhaus Bochum

Die Nacht der kletternden Leichen

Marius von Mayenburg inszeniert „Romeo und Julia“ am Schauspielhaus Bochum

Die Bilder auf den diversen Oberflächen im Großen Haus reflektieren nur die Höhle, in der sich die unheilige Melange der Veroneser Upper-Class hinter Mauern ducken muss:Marius von Mayenburg inszeniert Shakespeares Romeo und Julia in Bochum. Zwischen Gender-Wirrwarr und Kino-Ästhetik, zwischen Kostümmix und Partypeoplepower-Zoom, aber immer auch mit einer Hand an der Videokamera, die alle bedienen, die gerade keine Text haben oder gemeuchelt wurden. „Julia (14) ist schön, man hat seit dem Urknall nichts Vergleichbares gesehen“, doch Julia lebt für Romeo hinter der weißen Trockenbaumauer, die Stéphane Laimés Bühne in zwei Hälften teilt und das Publikum beim Kartenkauf zwangshalbiert. „Capulet oder Montague“? – manch Zuschauer irrte noch etwas durch die heiligen Vorräume – ich finde, die auf der Bühne hatten den komplizierteren Weg, dafür die bessere Optik aufs rauschende Fest. Denn das findet dort real statt, mit Konfetti und Gelage, die anderen hinter der Mauer, denen blieb nur das Video, keine Silberschnitzel, kein Schweinkram. Die wandelnden Capulet-Zombies wollten unter sich bleiben, doch die maskierten Montagues mischten sich unter sie, standesgemäß in Gruselmasken, selbst Romeo als Böser Clown fehlt da nicht. Auch andere Protagonisten sind immer gekleidet als seien sie einem der Amando-de-Ossorio-Filme entsprungen. Templer oder nicht, das sagt dir gleich das Licht – und ob Männlein oder Weiblein?, bei den Capulets ist da so manches queer. Die schicken Splatter-Videos flimmern, Julia und Romeo treffen sich unter der blutigen Tafel (weil er so schön Square danced), doch auch die Killer Night geht irgendwann mit „Killing Me Softly“ (1973) zu Ende.

ZUR PERSON
Marius von Mayenburg (*1972) studierte mittelalterliche Literatur in München und Berlin sowie Szenisches Schreiben. Der Autor, Regisseur, Übersetzer und Dramaturg hat in den letzten Jahren neben zeitgenössischen Autoren auch Shakespeare übersetzt. Foto: Katharina Birus

So weit so gut. Das Liebespaar kennt sich jetzt. Die Mauer könnte weg. Romeo (Torsten Flassig) ist so ein netter Bursche, aber er hat ein paar dunkle Seiten, der Umgang mit seiner Ex, na ich weiß nicht, sind halt reiche Fuzzis – aber klettern kann er, der Liebestolle. Freund Mercutio (Jakob Benkhofer) ist da schon eher so ein sexualisierter Arsch nach außen, Cousin Benvolio (Nils Kreutinger) bleibt in der Doppelrolle eher blass. Auf der anderen Seite steht „Erbfeind“ Tybalt (Fridolin Sandmeyer), glänzend blondiert, so ein bisschen Clockwork Orange, so ein bisschen flinkes Messer, kein Wunder, Signora Capulet – hier macht Matthias Redlhammer grandios eine stolze Figur, man denkt immer, der Torero kommt gleich, und doch ist es nur Julias Transen-Amme (noch mal großartig Nils Kreutinger im Kostümwechselrausch). Dazwischen Juliet (zauberhaft: Sarah Grunert), das elfengleiche Wesen, mit Rüschenkleid und Dockers und Replikanten-Frisur, oder wie die Mutter sagen würde, ein anämisches Gerippe – nein, das ist sie natürlich nicht. Ist eben alles Sex und Drugs und Rock´n´roll. Doch es scheint eher: „Baby did you forget to take your meds?“

Weiter geht’s. Aufruhr auf Ruhr, eine Megafone-Heule, die Messerstecherei beginnt. Die Kamerabilder wackeln, nur wackeln sie häufig zu viel, und Zoomen auf die weiße Wand ist nicht schön. Da hilft auch Roger Chapmans „Shadow On the Wall“ (1983) dem projizierten Bühnenbild nicht wirklich. Aus Mercutio wird Würmerfleisch, aus Tybald anschließend ein Mauertoter. Der Griff zur Opiumpfeife ist da obligatorisch. Womit wir bei Bruder Lorenzo (cool: Michael Schütz) wären, dem alten Hippie-Junkie in Lederhose und langer Matte. Klar, den ein oder anderen weisen Spruch hat er noch drauf, aber auf „Jede Scheißhausfliege darf Juliet täglich ansehen, ich nicht“ (Romeo ist verbannt) hat er erst mal keine Antwort. Auf der Mauer auf der Lauer spielt dann die berühmte Balkonszene, mit Lerche und Nachtigall, aber ohne Sternenhimmel – das Pulver ist verschossen, dennoch bleibtMarius von Mayenburgs Inszenierung in einer ganz besonderen rhythmischen Choreografie, abwechslungsreich modernisiert, im Kern doch Shakespeare. Und irgendwie auch in der Tradition des einst ebenso brodelnden Londoner Globes – also hingehen.

Now, the end is near. Bruder Lorenzo hat noch eine ganz tolle Idee. Drogencocktail für Juliet, Botschaft für Romeo, doch sein goldener Schuss zu Leonard Cohens „You Want It Darker“ (2016) verhindert (wie immer) das Happy End. Das sollte den Drogenkartellen hinter der amerikanischen Mauer in Mexico zu denken geben. Romeo macht noch mal den Bösen Clown, tötet oben auf der Mauer den armen Freier Paris und vergiftet sich dummerweise, während Juliet erwacht. Die ist erschüttert und wie auf Entzug erdolcht sie sich. Das letzte Wort wird nicht mehr gesprochen. Wer sollte es auch sagen?

„Romeo und Julia“ | R:Marius von Mayenburg | So 2.4., So 23.4. 17 Uhr, Mo 17.4. 20 Uhr, Sa 29.4. 19.30 Uhr | Schauspielhaus Bochum | 0234 33 33 55 55

Autor

PETER ORTMANN

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