Fußball als Schreibblockade

Frank Goosens ist mit dem neuen Roman „Förster, mein Förster“ am Start, Foto: Volker Wiciok

Fußball als Schreibblockade

Frank Goosen über seinen neuen Roman, Fußball und Kultur in Bochum
– Literaturporträt 02/16

Autor, Kabarettist, Aufsichtsratsmitglied des VfL Bochum, Jugendtrainer bei der DJK Arminia Bochum – Bücher und Fußball prägen das Leben des Bochumers Frank Goosen. Ende Februar erscheint sein neuester Roman „Förster, mein Förster“ bei Kiepenheuer und Witsch. Im „Tanta Yurgan‘s“, fast in Sichtweite des Bochumer Stadions, das nicht mehr lange Rewirpowerstadion heißen wird, erzählt Goosen von seinem neuen Buch.

In einem Gespräch, das wir vor Jahren führten, erzählte mir Goosen, dass er gerne die Herausforderung annehmen würde, einen großen, mehrere Generationen überspannenden Ruhrgebietsroman zu schreiben. Das ist sein neuer Roman nicht geworden. Im Mittelpunkt steht die Figur Förster, ein Autor mit Schreibblockade, der dem Revier den Rücken kehren will und den es ans Meer zieht. Das bedeute jedoch nicht, dass das große Ruhrgebietsprojekt, das quasi die Vorgeschichte von „Sommerfest“ erzählen soll, auf Eis läge, so Goosen. Er räumt ein, dass ihm in den letzten Jahren Zeit und Ruhe für ein großes zusammenhängendes Projekt fehlte: „Gerade in der schwierigen VfL-Zeit war an was Längeres gar nicht zu denken. Den Aufsichtsratsposten kann ich ja nicht so einfach abstreifen, wenn ich nach Hause gehe. Ich werde auf der Straße erkannt und gerade hier im Ruhrgebiet sprechen einen die Leute auch beim Bäcker an und fragen, was da wieder läuft in dem Verein“, erzählt Goosen, „das war die Zeit, in der ich „Raketenmänner“ geschrieben habe.“

Urlaub vom Ehrenamt

Gar nicht zu schreiben, ist für Goosen hingegen keine Option: „Ich habe mit zu vielen normalen Menschen zu tun, ich sehe das Schreiben als Urlaub von den normalen Typen. Ich sage auch gerne: Ich erhole mich im Job von meinen Ehrenämtern.“ Eines dieser Ehrenämter hat Goosen mittlerweile an den Nagel gehängt: Die Zeiten, als Jugendtrainer der DJK Arminia Bochum sind vorbei. Nicht nur, weil seine Söhne in diesem Verein spielen, hat er sich hier engagiert. Wenn er über diese Zeit redet, dann hört man schnell heraus, dass hier nicht jemand mit einem netten Hobby kokettiert, sondern wirklich mit Herzblut bei der Sache war. Der besonderen Rolle, die gerade ein Jugendtrainer spielen muss und die weit über das Sportliche hinausgeht, ist er sich äußerst bewusst: „Als Trainer musst du die Balance halten zwischen Ehrgeiz und Sozialverantwortung. Da treffen Kinder und Jugendliche unterschiedlichster sozialer Herkunft aufeinander, und häufig muss man denen nicht nur sportlich sagen, wo es langgeht.“ Das kann nervenaufreibend sein, aber auch die Berufsausübung als Kabarettist stark einschränken: „Zweimal in der Woche Training und am Wochenende dann Spiele – das waren Termine, die mir für Auftritte nicht zur Verfügung standen. Auf Dauer macht das sehr unflexibel beim Booking.“

Der raue Ton des Reviers

Mit dem neuen Roman kann Goosen nun wieder auf ausgedehnte Lesereise gehen. Über dreißig Termine im gesamten deutschsprachigen Raum stehen in den nächsten Monaten an – und dazwischen eingestreut noch der ein oder andere Kabarettabend. Bereits das erste Kapitel lässt den bekannten Goosen-Tonfall wiedererkennen, allerdings mit recht melancholischen Anklängen, wie sie schon in „Raketenmänner“ zu spüren waren. Seine Hauptfiguren sind Männer um die 50, ein illustrer Freundeskreis, der Zwischenbilanz zieht. Dabei liefern sich insbesondere Lehrer Brocki und Kneipenwirt Fränge pointierte Wortduelle, wie sie fürs Ruhrgebiet typisch sind. Dass dieser Tonfall zuweilen auch anecken kann, hat Goosen beim Lektorat gemerkt: „Diese Frotzeleien wollte meine Lektorin zunächst entschärfen, das fand sie zu heftig. Sie ist allerdings eine dreißigjährige Kölnerin und manchmal muss ich ihr das Ruhrgebiet erstmal erklären. Sie wusste zum Beispiel nicht, was ein ‚Sparkasten‘ ist. Da habe ich ihr sogar Bilder geschickt, um es ihr vor Augen zu führen.“ Eine zünftige Sparkastenleerung dürfte für sie ungefähr so exotisch sein wie für den Ruhrgebietler eine Kölner Karnevalssitzung. Allerdings kennt Goosen das ungläubige Staunen des Zugereisten bereits gut: „Meine Frau kommt aus Süddeutschland. Als ich mit ihr damals zum ersten Mal ‚Bang Boom Bang‘ gesehen habe, fand sie den Typen, der von Ralf Richter gespielt wird, arg überzogen. Ein paar Jahre später berichtete sie mir von einer Begegnung in der Straßenbahn, nach der sie sich entschuldigte und meinte: Solche Typen gibt es hier doch, das war kein bisschen übertrieben.“

Was früher wirklich besser war

Mit einem Hinweis auf Kapitel 11 des Romans lässt Goosen durchblicken, dass er seinem Protagonisten nicht nur den Beruf des Schriftstellers, sondern auch einige eigene Ansichten überlassen hat: „Von mir glauben irgendwie alle, dass ich alles Moderne Scheiße finde. Dabei gibt es für mich nichts Tolleres, als auf Tour zum Beispiel meine komplette Plattensammlung digital dabei zu haben. Mir gehen auch die Männer in meinem Alter auf die Nerven, die behaupten, kein Ikea-Regal zusammenbauen zu können, diese Koketterie mit vermeintlicher Ungeschicktheit.“ Er weiß durchaus zu differenzieren: „Auf Facebook war ich mal für zwei oder drei Tage. Aber ich bin zu faul, mich darum zu kümmern. Ich war vor allem sehr überrascht, wer alles mit mir befreundet sein wollte. Das war mir zu viel Nähe, zu viel Verpflichtung.“ Natürlich bietet eine schreibende Romanfigur immer das Risiko, vom Leser autobiografisch gelesen zu werden, auch wenn Goosen sehr bewusst die Ich-Perspektive vermieden hat: „Es hat sich bei mir so entwickelt, dass ich die Ich-Form nur noch in Bühnenprogrammen verwende, in literarischen Texten hingegen durch die Dritte Person eine stärkere Distanz zu den Protagonisten aufbaue. Natürlich besteht erst recht bei den Bühnenfiguren das Risiko, dass Zuschauer das Gesagte autobiografisch einordnen – die Leute wollen glauben, dass ich das alles selbst erlebt habe. Aber so viel will ich auf der Bühne gar nicht von mir erzählen.“

Im Gespräch erzählt er dafür umso mehr. Von der Romanfigur des Lehrers Tilmann Brock wechselt er zu Anekdoten aus der eigenen Schulzeit und von dort aus zum heutigen Alltag eines Vaters schulpflichtiger Kinder. Echte Dankbarkeit spricht aus ihm, wenn er von seinem damaligen Geschichtslehrer berichtet, der es vermocht habe, Geschichte in aktuelle Kontexte zu setzen, und größter Impulsgeber für Goosens Geschichtsstudium war. Und schon ist er bei den „X-Men“, die er gemeinsam mit den Söhnen geschaut hat, und regt sich darüber auf, dass von ProSieben eine elementar wichtige KZ-Szene am Beginn einfach geschnitten wurde: „Das wollten die ihrem Publikum offenbar nicht zumuten.“

Den Redefluss zurück auf den Roman und die Bochumer Kulturpolitik zu lenken, gestaltet sich nicht leicht. Aber glücklicherweise ist Goosens „Förster“ zumindest in den ersten Kapiteln stark in Bochum verwurzelt. So streift der Held durch das „FKK-Gelände“, einem ehemals industriell, nun künstlerisch genutzten Komplex, der unschwer als das Freie Kunst Territorium FKT zu erkennen ist. Und wenn die dort arbeitende Bildhauerin zu Förster sagt: „Erst waren sie froh, dass wir hier drin waren, so ist das Gebäude nicht verfallen, und gut fürs Image war es auch, Kunstförderung und so, aber jetzt steht da einer mit einem Koffer voller Dollars auf der Matte, und wir müssen in drei Monaten raus“, dann ist das traurige Bochumer Kulturrealität.

Kreativquartier und Stammtisch

Geplatzte Träume kennt auch Goosen nur zur Genüge. Im Jahr 2009 sollte unter seiner Schirmherrschaft hinter dem „Riff“ das Café Industrie eröffnen, ein Haus für Kleinkunst, Kabarett und Literatur. Doch bürokratische Hürden und vor allem ein marodes Kanalsystem unter dem Gelände, für dessen Sanierung sich die Stadt nicht verantwortlich sah, ließen das ehrgeizige Projekt platzen. Ein wenig Verbitterung klingt auch nach Jahren noch an, wenn Goosen gesteht: „Natürlich trauere ich der Chance nach, die das Café Industrie geboten hätte. Eine Kleinkunstbühne dieser Größenordnung fehlt in Bochum. Leo Bauer [einer der Urväter des Bermuda3ecks und Investor auf dem Riff-Gelände, Anm. d. Red.]hat immer auch mit einem gewissen Risiko in interessante Projekte investiert. Er, Mandragora-Chef Dirk Steinbrecher und einige andere Akteure haben es geschafft, dass das Bermudadreieck nicht von Kettenrestaurants beherrscht wird, sondern noch viele alteingesessene Kneipen das Bild prägen. Hier gäbe es reichlich kulturelles Potential. Auch der ‚Rotunde‘, die sich mehrere Jahre lang zu einer gefragten Location entwickelt hat, wünsche ich, dass sich da demnächst noch mal was tut.“

Dass sich die Stadt Bochum gerne mit Kultur schmückt und um Kreativwirtschaft buhlt, entlockt dem Autor ein müdes Lächeln, schließlich entwickelt sich ein Großteil der lokalen Kulturszene gerade außerhalb der Kategorien wirtschaftlicher Rentabilität oder öffentlicher Fördertöpfe. Beispielhaft nennt er hier den Bochumer Kulturstammtisch, dessen Gründung er mit begleitet hat: „Als die Stadtwerke ihr kulturelles Engagement total umgestellt haben auf dieses Voting – ein technisch manipulierbares und intransparentes Verfahren – hat das die freie Kulturszene in Bochum arg getroffen. Hier fehlt jemand, der eindeutige Förderkriterien festlegt und dann auch zu seinen Entscheidungen steht. Aber andererseits ist durch diesen Einschnitt der Kulturstammtisch entstanden, ein loser Zusammenschluss von Akteuren aus Theater, Bildender Kunst, Musik, Film oder Literatur. Allein, dass diese Leute sich nun gegenseitig kennenlernen, sich vernetzen, ist für die Bochumer Kultur sehr wichtig.“ Immerhin hat es diese Initiative geschafft, die Politik zu sensibilisieren und Einschnitte im ohnehin knappen Kulturetat für die „Freien“ weitestgehend zu vermeiden.

Doch Goosen macht auch Lichtblicke in der Verwaltung aus: „Erfreulicherweise ist der Bochumer Kulturamtsleiter Bernhard Szafranek jemand, der nach klaren Maßstäben nachvollziehbare Entscheidungen trifft, der auf die Freie Szene zugeht und sich ernsthaft mit ihr beschäftigt; jemand, der sich zum Beispiel für das „Zeitmaul“-Theater als Berater für bürokratische Abläufe bei der Suche nach einem neuen Domizil als ein echter und engagierter Partner erwies.“ Dass Bochum eine Theaterstadt ist, macht der Autor längst nicht mehr nur am Schauspielhaus fest: „Eine für mich besonders spannende Art von Theater in Bochum wird im Prinz Regent Theater gespielt. Romy Schmidt hat das Theater wachgeküsst mit ihrem Stil, ihrer Leichtigkeit und ihrem Humor. Sie ist eine echte Teamplayerin, was im Theater eine wichtige Eigenschaft ist“ – was Goosen als Vorstandsmitglied des PRT sicherlich zu schätzen weiß. Und er gerät ins Schwärmen über die aktuelle „Helden“-Inszenierung, die er am Abend zuvor gesehen hat.

Unterbrochen wird er lediglich von einem Jugendlichen, der ihm mit der Bitte nach einem Autogramm sein Skateboard reicht. „Auf ’nem Skateboard habe ich auch noch nie signiert“, schmunzelt er, „aber schonmal auf einem BVB-Mitgliedsausweis. Da hab‘ ich dann extra so groß geschrieben, dass man den Rest nicht mehr so gut erkennen konnte…“

Lesungen:
Do 18.2. 20 Uhr | Stadtbücherei Gladbeck | ausverkauft
Mi 24.2. 19.30 Uhr | Zeitmaultheater Bochum | 0157 54 67 74 79
Do 25.2. 20 Uhr | Schauspielhaus Bochum | 0234 33 33 55 55
Alle weiteren Termine unter www.frankgoosen.de

Autor

FRANK SCHORNECK

Dieser Artikel erschien auf www.trailer-ruhr.de, lesen Sie weitere Artikel auf www.trailer-ruhr.de/literatur

0