„Das berühmte Kirchturmdenken“

Britta Peters, Foto: Caroline Seidel

„Das berühmte Kirchturmdenken“

Britta Peters über das „Ruhr Ding: Territorien“

Das „Ruhr Ding: Territorien“ fragt in breitgefächerter Form nach der Bedeutung territorialer Festschreibungen für die Identitätsbildung. 22 Kunstprojekte in den Städten Bochum, Dortmund, Essen und Oberhausen entstehen als Neuproduktionen im Hinblick auf die thematische Fragestellung, ohne sie zu illustrieren.

trailer: Frau Peters, wird dieses endlose Bespielen der Ruhrterritorien nicht langsam langweilig?
Britta Peters: Interessante Frage! Aber wir bespielen die ja nicht endlos, sondern eröffnen im Mai im Grunde das erste gebündelte Ausstellungsprojekt, das „Ruhr Ding Territorien“. Wir sind allerdings schon seit März 2018 mit dem Wandersalon unterwegs. Das ist eine Veranstaltungsreihe an unterschiedlichen Orten, die auf das Ruhr Ding vorbereitet. Da stellen sich die Künstlerinnen und Künstler vor, genauso wie Theoretikerinnen und Theoretiker oder auch mal jemanden aus dem Bereich Literatur oder Musik. Wir reisen gut durch die Gegend und langweilig wird das überhaupt nicht.

Welche Bedeutung haben denn, ich zitiere, territoriale Festschreibungen für die Identitätsbildung, wenn nur vier Städte beteiligt sind?
Das ist nur die erste Ausgabe. Wir machen das Ruhr Ding jedes Jahr im Mai/Juni und wandern 2020 in den Norden, 2021 in den Süden und 2022 in den Westen, wenn das alles so nach dem Fünf-Jahresplan läuft. Die Region wird mit unterschiedlichen räumlichen und thematischen Schwerpunkten durch das gemeinsame Ausstellungsprojekt grenzüberschreitend verbunden. Man kann das ja alles gar nicht gleichzeitig abdecken. Das wäre weder für die Besucher noch für uns zu machen.

Zur Person:
Britta Peters studierte Kulturwissenschaften an der Universität Lüneburg und arbeitete als freie Kuratorin und Kunstkritikerin. Von 2008 bis 2011 war sie künstlerische Leiterin des Kunstvereins Harburger Bahnhof. 2017 kuratierte sie mit Kasper König und Marianne Wagner die Skulptur Projekte Münster. Seit Januar 2018 ist sie die Künstlerische Leiterin von Urbane Künste Ruhr. Foto: Caroline Seidel

Um welche Identität jenseits von blankpolierten Grubenlampen geht es denn überhaupt?
Das Thema speist sich für mich aus dem Wissen, dass es hier 53 Städte und drei Verwaltungsbezirke gibt und in jeder Stadt einen Bürgermeister und ein paar Bürgermeisterinnen. Einerseits ist das eine Region mit einer gemeinsamen Geschichte und gleichzeitig klappt ganz viel wegen des berühmten Kirchturmdenkens nicht, als Beispiel sei nur der der öffentliche Personennahverkehr genannt. Insofern ist die Frage nach Territorien eine, die die Region selbst stellt. Und gleichzeitig ist es momentan das große globale Thema, das uns um die Ohren fliegt, mit den international wachsenden Nationalstaatsgedanken, mit den sogenannten identitären Bewegungen, die sich darauf berufen, es gäbe so etwas wie eine Leitkultur oder eine kulturelle Identität, die es vor dem Fremden zu bewahren gilt. Das halte ich für absolut falsch.

Wäre es nicht wichtig, diese parallelen Verwaltungsstrukturen einfach aufzulösen?
Total wichtig. Das ist auch überhaupt nicht nachvollziehbar. Ich hatte überlegt, ob wir dazu noch ein Projekt unterbringen können. Das hatte für mich den Arbeitstitel „Teile und herrsche“, weil diese Aufteilung in Verwaltungsbezirke eben dazu führt, dass sehr viel nicht klappt, und es wohl einmal ein großes Interesse daran gab, dass die Leute sich im Ruhrgebiet nicht so einfach zusammenfinden.

Schauen wir noch einmal auf die Territorien. Im Ruhrgebiet werden die Bezüge ja immer kleiner, bis in ein Stadtteildenken hinein.
Uns geht es um eine Auflösung dieses territorialen Denkens oder von diesen Festschreibungen. Denn es gibt ja gar nicht das Territorium als solches, sondern die Grenzziehungen sind immer sehr willkürlich. Insofern muss sich das in den Köpfen auch mal entspannen und durchlässiger werden. Wir haben neulich schon sehr viel Spaß gehabt mit Herne-Wanne-Eickel, wo es doch schon beim Heiraten verboten ist, dass man mehr als zwei Namen aneinanderhängt. Bei Städten scheint es da keine Limits zu geben.

Trauerhalle Bochum, Projektstandort Ivan Moudov im Rahmen der Territorien, © Heinrich Holtgreve / Urbane Künste Ruhr 2018Trauerhalle Bochum, Projektstandort Ivan Moudov im Rahmen der Territorien, © Heinrich Holtgreve / Urbane Künste Ruhr 2018

Das ist keine Kultur. Aber ist dieser Begriff nicht der abgenutzteste im ganzen Ruhrgebiet?
Kultur ist alles. Kunst ist nur ein Teil der Kultur. Also Kunst ist Kultur, aber nicht alle Kultur ist Kunst. Kultur ist auch mit Messer und Gabel essen, eben alles, was von einer Gesellschaft erlernt ist. Das ist von vornherein ein sehr schwammiger und dehnbarer Begriff. Und ich glaube, die verschiedenen Institutionen müssen eben sehr deutlich kommunizieren, was ihr Interesse ist. Das versuche ich ja auch für die Urbanen Künste.

Ich hatte das auf die Begriffsinflation beim so genannten Kulturtourismus bezogen.
Ich habe mit Tourismus gar kein großes Problem. Natürlich ist das gekoppelt an die Vorstellung von sehr oberflächlichen Erfahrungen. Aber ich bin auch selber gerne auf Reisen und empfinde das als totale Bereicherung und sehr interessant. Insofern kann ich auch immer nur alle Leute einladen, kommt hierhin, kuckt euch das mal an. Ich kannte das ja vorher auch nicht besonders gut, bevor ich aus Hamburg hierhergekommen bin. Das Ruhrgebiet ist im Grunde tiefste BRD-Geschichte. Die kriegt man in München oder Berlin auf eine ganz andere Art und Weise mit. Hier ist der Westen, wo die große Industrie angesiedelt war und das eigentliche Wirtschaftswunder entstanden ist. Und das ist auch etwas, mit dem sich viele beschäftigen sollten.

„Ruhr Ding: Territorien“ | 4.5. – 30.6. | Urbane Künste Ruhr | www.urbanekuensteruhr.de

INTERVIEW:

PETER ORTMANN

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