Zeit hat noch nie Wunden geheilt

Eine schiefe Ebene aus den Köpfen derer, die Geschichtsschreibung für sich beanspruchen, Foto: Uwe Schinkel

Zeit hat noch nie Wunden geheilt

„Atlas“ im Theater am Engelsgarten

Schuld. Schuldig, Buße, Sühne. Heute sind diese Begriffe längst unter die messerscharfe Sense der Mächtigen geraten. Niemand ist vor dem Gesetz gleich. Und er, sie, es waren es auch nie. Der schnöde Mammon bestimmt immer Auslegung und Strafmaß, basta. Es ist ein großes Glück, wenn Theater, die wohl immer unter einem himmlischen Geldregen stehen wie das am Wuppertaler Engelsgarten (Sarkasmus!) an längst vergessene Schulden im gesamtdeutschen Staat erinnern. Wer erinnert sich schon an Pulau Bidong? An Boat People? Bruderstaaten? DDR-VertragsarbeiterInnen? Vielleicht noch Vietnamkrieg? Ganz sicher nicht an Brandsätze in Lichtenhagen zwischen Rostock und dem schicken Warnemünde, wo die schwimmenden Urlauber-Knäste für den Trip nach Südostasien warten, jaja dieser Wohnblock mit den Sonnenblumen-Mosaiken da, da sind die vietnamesischen VertragsarbeiterInnen 1992 fast vor Angst gestorben, schließlich waren wir mal und sollen ja wohl wieder statt Menschen Volk werden.

All das schießt dem Wissenden nach und nach wieder durch den Kopf, wenn man aufmerksam dem Text des österreichischen Autors Thomas Köck – der für „Atlas“ im letzten Jahr den renommierten Mülheimer Dramatiker-Preis erhielt – folgt und sich das anfangs verwirrende Personenpuzzle entschlüsseln lässt. Genau dies macht Regisseurin Jenke Nordalm in ihrer Inszenierung, unprätentiös, mit Himmels-Panoramawand, einer Nähmaschine als ostdeutsches Werkbank-Requisit und einer drehbaren schiefen Ebene, auf der die Geschichte am Ende immer die Zeit in eine Ordnung bringen soll, weil die Zeit das alleine nie hinbekommt und eigentlich immer die Falschen über Geschichte entscheiden. Denn alles scheint mit allem verwoben, auch die alte Großmutter in Vietnam mit beiden deutschen Staaten, in denen sie nicht bleiben wollte, in denen aber unbemerkt die für tot gehaltene Tochter und ihre Enkelin zahlreiche Wurzeln haben. Die Enkelin kommt nach Saigon während der Eyjafjallajökull Asche über die Welt schickt auf der Suche nach ihren Wurzeln und findet sie in einer Frau, die sich weigert, die Tatsachen nach so langer Zeit anzunehmen. Ein verblichenes Foto ist die einzige mögliche Beweislage, die beide zu verbinden scheint, doch die alte Frau will, durch Umerziehungslager des Việt cộng und jahrelange Fronarbeit gegangen, die Zeit nicht mehr in eine richtige Ordnung bringen und so bleibt das Ende wissend und bewusst offen.

Köcks Ebenen, die transparent, durchfließend, aber nie schief wie die Bilder in vielen Köpfen sind, trägt das kleine Ensemble (Julia Wolff, Philippine Pachl, Julia Meier und Thomas Braus) wunderbar durch die wechselnden Szenerien von Bühnenbildnerin Vesna Hiltmann. Vietnamesische Texturen und Bilder verstärken die pessimistischen Visionen für eine Zukunft in alternativen Fakten. Wir werden die Zeit kaum noch in eine richtige Ordnung bringen können, denn die historischen Tatsachen aus einst doppelten deutschen Staaten passen millimetergenau ins heute vereinigte Mutter- und Vaterland, denn Ertrinkende aus Not hat es und wird es immer geben. Jenke Nordalm schafft diesen Sprung durch die Zeit mit leisen Mitteln, auch unter Einbeziehung derer, die es immer noch unter der Haut besonders angeht, „Nie wieder sollen Menschen auf der Flucht ertrinken“, tönte es bereits in den 1970er Jahren wohltönend aus Politikermündern. Doch seid mal ehrlich: Wer erinnert noch den legendären Frachter Cap Anamur? Die Zeit gewinnt immer.

„Atlas“ | R: Jenke Nordalm | So 15.3., 19.4. je 18 Uhr, 4.4. 19.30 Uhr | Theater am Engelsgarten | 0202 563 76 66

Autor

PETER ORTMANN

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