Wovon träumt der Hamster im Rad?

Tagträumen hilft, Foto: Dorija Apple Parsley

Wovon träumt der Hamster im Rad?

Nächster Halt: Autonomie – trailer-THEMA 02/17 WELTFLUCHT

Nein, ich möchte lieber nicht. Nicht noch mehr kaufen, nicht Serien-bingen, mich keinen Beauty-Blog-Trends anschließen. Ich brauche nicht noch mehr Facebook-Freunde, kein Coaching zur Lebensoptimierung und auch keine App, die mir sagt, wann ich meditieren soll. „I would prefer not to“, sagte Bartleby, der Anwaltsgehilfe in Herman Melvilles gleichnamiger Erzählung aus dem Jahr 1853. Keine weiteren Akten kopieren, nicht mehr funktionieren, nichts mehr wollen sollen. Sich dem Lauf der Welt verweigern und im höflich formulierten Rückzug aus der Verwertungsmaschine aussteigen.

Sich unangenehmen Situationen körperlich oder geistig zu entziehen, ist ein menschlicher Reflex. Manche tanken in Tagträumen Kraft, andere kehren nicht mehr in die Realität zurück. Von temporären und dauerhaften Weltfluchten.

Also Rückzug ins Innere? Einfach nicht mehr das Zimmer verlassen – diesen Weg wählen die Hikikomori. So werden in Japan Menschen genannt, die direkte Außenkontakte weitgehend vermeiden, sich ein halbes Jahr oder länger einschließen. Versorgt von den Eltern, weichen sie sozialem Wettbewerb und gesellschaftlichem Produktivitätsdruck aus. Oft betrifft es die ältesten Söhne und damit die Hoffnungsträger. Mindestens eine halbe Million dieser„postmodernen Eremiten“ soll es geben. Eine bedeutende Gegenbewegung zu dem, was in Japan Karoshi heißt: derplötzliche Tod am Arbeitsplatz durch Überarbeitung.

Gibt es eine positive Weltflucht? Der AmerikanerChristopher McCandless wurde zum Aussteigermythos. Nicht weil er sich in einen alten Bus in der Einöde Alaskas verkroch und dort wegen mangelnder Ausrüstung und mieser Planung schmählich verhungerte. Nein, er ist berühmt geworden, weil er absolut frei sein wollte von zivilisatorischen Sicherheiten. Weil er in der Wildnis auf eine elementare, körperliche Art nach Wahrheit suchte. Mit sich und dem eigenen Handeln allein sein und die Konsequenzen daraus tragen – das ist die Art Eskapismus, aus der Jon Krakauers Buch und Sean Penns Verfilmung„Into the Wild“Heldentum machten.

Leben, mehr leben, intensiver leben, auch im Schmerz. Vielleicht sollten wir lieber nicht lachen über Menschen, die in großspurig angekündeten„Überlebenstrainings“für ein Wochenende den Jack Wolfskin Pullover herausholen. Die das echte Leben im Wald um die Ecke erschnuppern wollen. Auch hierbei geht es nicht darum, eßbare Flechten zu erkennen, sondern sich und den eigenen Körper neu zu erleben.

Der gezähmte Körper gilt längst als Maß aller Dinge: reguliert, geschönheitswahnt, optimiert, von tausend unsichtbaren und sichtbaren Kameras beobachtet. Die Kontrollmechanismen haben sich tief in unser Verhältnis zu uns selbst eingeschrieben. Wir dressieren uns passend zur Norm. Wie wäre es dann alsomiteinem Aufstand der Körper? Physisch die Enge der Seele sprengen, das falsche Selbstverhältnis aufbrechen? Uns nicht länger selbst zu Unterworfenen machen?

Flucht nach vorn: mit dem eigenen Leib raus aus den Zwängen. Karriere verweigern. Die Faulheit zelebrieren, Muße zur Erkenntnis nutzen, Rattenrennen beenden. Das sind die Credos einer Loge denkfreudiger Leute in Berlin. Zwei der Gründer, Alix Faßmann und Anselm Lenz, kündigten aussichtsreiche Jobs in PR und Kultur und widmeten sich den Fragen: “

„Gehört das so?“und„Kommt da noch was?“. Sie versammelten Mittäter und führten im Mai 2016 ein Gerichtsverfahren durch. Auf der Anklagebank: der Kapitalismus. 400 Anklagen gegen„die mutmaßlichen Verbrechen des europäischen Kapitalismus“wurden zuvor auf capitalismtribunal.org eingereicht. Die Verhandlung war physisch: sieben Tage lang saßen Ankläger, Verteidiger, Richter und Publikum zusammen. Ein körperlicher Prozess, in Echtzeit mit echten Menschen stattfindend. Nicht nur symbolischer Schauprozess, sondern ein ziviler Gerichtshof, der über den Gesetzen steht – so das Selbstverständnis. Im Mai 2017 wird das Urteil verkündet.

Weltflucht, um eine bessere Welt zu fordern. Benannt haben sich die Aktivisten nach jenem kleinen Anwaltsschreiber und seiner überaus höflichen Verweigerungshaltung: Haus Bartleby. Herman Melville ließ seinen Bartleby am Schluss der Erzählung verhungern. Das Haus Bartleby lebt von Eigenkapital, Spenden und der Überzeugung, dass jeder beschließen kann, nicht weiter mitzuspielen. I would prefer not to.

Autorin

MELANIE REDLBERGER

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