Wirbelsturm am Flügel

Hiromi, Foto: Mari Amita

Wirbelsturm am Flügel

Hiromi in der Philharmonie Essen

Seit einem Vierteljahrhundert bearbeitet die Japanerin Hiromi die Tasten zahlloser Flügel und Klaviere, und dies bei ihrem energetischen Krafteinsatz bestimmt nicht unauffällig. Obwohl sie in jüngsten Jahren mit der Jazz-Ikone Chick Corea im Duett musizierte, sie über Jahre im Stanley Clarke Trio die Tasten rührte, blieb sie für die Fangemeinde des Jazz eine Existenz mit vielen Unbekannten. Selbst erfahrene Kollegen haben im Grunde keine Ahnung, was für ein musikalisches Kraftwerk in ihr schlummert. In der Essener Philharmonie können interessierte Musikfreunde dieses Geheimnis lüften – für Kenner virtuoser Klavierkunst ist dieser Termin obligatorisch.

Es mag daran liegen, dass diese junge Dame keine stilistischen Grenzen einhält, sie ist nicht Jazz noch Rock. Mit 14 Jahren debütierte sie als Konzertpianistin beim Tschechischen Nationalorchester, das klassische Klavierspiel studierte sie seit dem sechsten Lebensjahr – bei einer ganz besonderen Lehrerin. „Ich liebte sie“, so resümierte die Schülerin ihre zwölfjährige Lehrzeit bei Noriko Hikida, einer unkonventionellen experimentierfreudigen Pädagogin, die der Seele der jungen Elevin reichlich Manna anreichte. Bei ihr lernte sie Erroll Garners bluesigen Stil und die geschliffene kanadische Klaviertechnik eines Oscar Peterson kennen, was zielgerecht in Bostons Jazzschmiede im Berklee College landete. Heute rauschen die Töne, wenn sie ausladend und zeitgreifend über Standards oder Konzertthemen der Heroen der amerikanischen Jazzgeschichte improvisiert – hier wird im Maschinenpistolen-Rhythmus Energie entladen.

Kein Wunder, dass zu ihrem Fusion-Projekt ein Trio aus lebenden Legenden aufzog: Mit Anthony Jackson, dem Dompteur eines der ersten sechssaitigen E-Bässe, und Drummer-Idol Simon Phillips griff sie nach den Sternen der Fusion-Welt, die Pianistin von Stanley Clarke und Lenny White wurde Band-Chefin. Ahmad Jamal war ihr Mentor, aktuell tourt sie mit einem Streichquartett, aber auch mit dem Perkussionswunder Trilok Gurtu.

In Essen gastiert sie mit einer umfangreichen Solo-Performance, bei der ihr niemand eine stilistische Vorgabe erteilt. Ihr hämmernder Drive erinnert in Passagen an Minimal-Music, an stahlhart gespannte Saiten, die Jazz und Rock gleichermaßen gerecht werden – das verspricht viele Fans.

Di 5.7. 20 Uhr | Philharmonie Essen | 0201 812 22 00

Autor

OLAF WEIDEN

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