„Wir müssten viel mehr miteinander teilen“

Muss viel rauchen: Trine Dyrholm in Thomas Vinterbergs „Die Kommune“, Foto: Presse

„Wir müssten viel mehr miteinander teilen“

Trine Dyrholm über „Die Kommune“, die 70er Jahre und die Zusammenarbeit mit Thomas Vinterberg – Roter Teppich 04/16

International bekannt geworden ist die 1972 geborene Dänin Trine Dyrholm mit Thomas Vinterbergs Dogma-Film „Das Fest“ 1998. Danach ging es mit Filmen wie „In China essen sie Hunde“, „In einer besseren Welt“ oder „Love is All You Need“ steil bergauf mit ihrer Karriere. Auch in deutschen Produktionen wie „3096 Tage“ oder „Who Am I – Kein System ist sicher“ hat sie mitgewirkt, oder die Hauptrolle in der erfolgreichen Serie „Die Erbschaft“ übernommen. Nach mehr als 20 Jahren hat sie nun erneut unter Thomas Vinterbergs Regie gespielt: Für „Die Kommune“, der am 21. April in den Kinos startet, wurde sie auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären als beste Darstellerin ausgezeichnet.

choices: Frau Dyrholm, haben Sie selbst Erfahrungen damit, in einer Kommune zu leben?
Trine Dyrholm:
Ich habe viele Freunde, die in einer Kommune aufgewachsen sind, und auch mein Cousin ist auf diese Weise groß geworden. In den 80er Jahren bin ich tatsächlich für ein halbes Jahr zu ihm in die Kommune gezogen, als ich meinen ersten Film drehte und deswegen nach Kopenhagen ziehen musste. Ich habe also gewisse Erfahrungen damit, obwohl ich nie für längere Zeit in einer Kommune gelebt habe.

Was ist Ihre persönliche Meinung zum Leben in einer Kommune?
Mir gefällt das Grundkonzept des Teilens, vielleicht nicht unbedingt hinsichtlich des Ehemanns oder der Ehefrau (lacht), aber ich finde, dass das noch immer als Botschaft in unserem Film durchscheint, obwohl meine Figur mit diesem Konzept nicht so richtig klar kommt. Aber ich glaube, dass wir im Leben viel mehr miteinander teilen müssten, schließlich kann es sich nicht jeder leisten, in einer großen Villa zu leben und ein Auto zu besitzen.

Gibt es momentan Menschen in Ihrem Leben, mit denen Sie es sich vorstellen könnten, in einer Kommune zusammenzuleben?
Ich habe eine sehr enge Beziehung zu meinen Nachbarn, wir essen sehr häufig zusammen, und ich habe eine ganze Menge Freunde. Meine enge Familie besteht aus meinem Ehemann und unserem siebenjährigen Kind, aber wir versuchen, uns nicht zu sehr abzukapseln. Mir gefällt die Idee einer sehr großen Familie, die aus Freunden, Verwandten und Nachbarn besteht. Im Moment könnte ich es mir zwar nicht vorstellen, mit anderen in einer Kommune zusammenzuleben, aber ich habe schon sehr oft in meinem Leben mit anderen Wohnungen geteilt. Ich habe den stillen Traum, dass ich mit einer Gruppe Freunde zusammen in einem Haus lebe, wenn wir alt werden, das ist bestimmt lustig. Viele ältere Menschen in Dänemark machen das tatsächlich, wobei sie nicht zwangsläufig in einem großen Haus zusammenleben, sondern eher in benachbarten kleineren und sich dann eine gemeinsame Küche teilen. Also vielleicht später mal wieder…

Im Film wird ja das Beispiel gezeigt, dass so etwas auch ganz furchtbar schief laufen kann..
Meine Figur Anna wird ein Opfer ihrer eigenen Ideale. Der Film spielt in einer Zeit, in der eine offene Beziehung eine Notwendigkeit war. Nach den 50er Jahren bedurfte es einfach einer Revolution, etwas musste passieren. Ich bin sehr dankbar, dass damals Dinge ausprobiert wurden, obwohl man sich damals der Konsequenzen noch nicht so bewusst war, wie man das heute ist. Es hat schon etwas Anstrengendes, auf so engem Raum mit anderen zusammenzuleben, wenn das Privatleben eines Einzelnen bei Tisch vor allen anderen ausgebreitet wird. Das sind eben die Nachteile, wenn man alles miteinander teilt.

Fiel es Ihnen leicht, in die Stimmung der 70er Jahre hineinzufinden?
Ich weiß nicht, ob es leicht war, aber es hat auf jeden Fall Spaß gemacht! Wir mussten allerdings deutlich zu viele filterlose Zigaretten rauchen. Es waren zwar keine echten Zigaretten, aber wir mussten wirklich viel zu viel rauchen. Das war schon sehr anstrengend. Aber ich finde, dass die Setdesigner und die Kostümabteilung hier einen wirklich tollen Job gemacht haben, weil das meiste auch nicht so stereotyp aussieht.

Glauben Sie, dass die 70er eine besondere Zeit waren?
Ja, denn damals wurden viele Dinge zum ersten Mal ausprobiert. Außerdem war es eine Zeit der Unschuld. Darum geht es auch in unserem Film. Viele Dinge passierten, man konnte über seine Sexualität sprechen, man konnte sich scheiden lassen, man konnte als Frau arbeiten. Wenn wir nun auf diese Zeit zurückblicken, wirkt sie wegen ihrer „Love is all you need“-Mentalität vielleicht ein wenig naiv, aber diese Botschaft ist doch auch sehr schön.

Ihre Figur ist die verwundbarste im Film und muss am meisten leiden. War es eine besondere Herausforderung, das zu spielen?
Ja, das war es. Aber meiner Meinung nach sind solche Szenen nicht nur eine Herausforderung, sondern auch sehr spannend. Ich liebe es, in einem Raum zu sein, ohne zu wissen, was passieren wird. Das ist mein Mantra. Jedes Mal, wenn der Regisseur „Action!“ sagt, erwidere ich laut „Ich weiß nicht, was jetzt passieren wird!“, weil ich mich dann gehen lasse und mich völlig entleere. Man ist bereit für den Moment und neugierig darauf, wie die Figur nun reagieren wird. Man kennt die Situation, man weiß, dass die Kamera da ist, man ist sich all dessen bewusst. Aber man benötigt genauso das Unbewusste in diesem Moment. Man lässt sich auf Dinge ein, die einen selbst überraschen. Ich habe das Gefühl, dass ich nie weiß, was ich spiele, bevor ich es gespielt habe.

Sie kennen Thomas Vinterberg schon seit mehr als zwanzig Jahren, haben aber fast zwanzig Jahre nicht mehr mit ihm gearbeitet. Wie war dieses professionelle Wiedersehen für Sie?
Einerseits fühlte es sich an, als hätten wir erst gestern das letzte Mal zusammengearbeitet. Andererseits konnte man fühlen, dass wir Gewicht zugelegt und Falten bekommen haben, aber wir haben nun auch mehr Erfahrung im Leben und in unserem Beruf. Die Diskussionen und Gespräche über das Drehbuch und die Figuren liefen nun auf einem ganz anderen Niveau ab, waren viel nuancierter, weil wir älter geworden sind. Ich habe wirklich sehr gerne wieder mit ihm gearbeitet, weil er so talentiert ist und solch ein wundervoller Mensch. Er erschafft eine Arbeitsatmosphäre, bei der alle sehr fokussiert sind. Andererseits ist er sehr offen und hört sich deine Ideen an. Mir gefällt es sehr, einbezogen zu sein und meine Kreativität einzubringen, was bei Vinterberg kein Problem ist. Ich würde gerne wieder mit ihm zusammenarbeiten!

Und wie war die Zusammenarbeit mit Ulrich Thomsen, der Ihren Ehemann und Rivalen spielt?
Wir beide kennen uns auch schon seit vielen Jahren. Wir waren auf dergleichen Theaterschule, Ulrich war im dritten Jahr, als ich dort angefangen habe. Ich liebe Ulrich, er ist ein brillanter Schauspieler. Er überrascht einen immer auf angenehme Weise mit seinen Entscheidungen, er ist einzigartig und witzig auf seine ganz spezielle Ulrich-Art (lacht). Man kann ihn kaum mit jemand anderem vergleichen, er spielt immer auf eine sehr persönliche Art. Ich kenne ihn einfach sehr gut, und es macht eine Menge Spaß, mit ihm zu arbeiten.

Dänische Filmemacher sind mit ihrer couragierten Art weltweit sehr erfolgreich. Wie sehen Sie das?
Ich hatte das große Glück und Privileg, Teil einer Generation zu sein, die eine Menge in Bewegung gesetzt hat. Mitte der 90er Jahre war ich in einer Theatergruppe namens „Dr. Dante“, einer Undergroundgruppe, die in Kopenhagen für Aufsehen gesorgt hat. Viele von uns spielen mittlerweile in Fernsehsendungen oder sind Teil der dänischen Filmindustrie. Wir haben damals zu improvisieren gelernt, und wie man sich in die Drehbucharbeit einbringt. Später habe ich mit Mads Mikkelsen bei „Romeo und Julia“ auf der Bühne gestanden, wir haben uns immer gegenseitig inspiriert. Thomas Vinterberg war während dieser Zeit auf der Filmschule, und für seine Filme hat er dann uns Theaterschauspieler engagiert. Wir haben uns alle schon sehr früh kennengelernt und auf die unterschiedlichsten Weisen miteinander gearbeitet.

Werden Sie auch in Zukunft auf internationaler Ebene weiterarbeiten?
Ja, ich hoffe schon. Im Moment drehe ich die dritte Staffel der Fernsehserie „Die Erbschaft“, in der ich auch zwei Episoden inszenieren werde. Und ich habe einen interessanten Film über Hirnforschung abgedreht, bei dem es um die These geht, ob wir einen freien Willen haben oder nicht (die Verfilmung von Christian Jungersens Roman „Du verschwindest“; die Red.). Ich versuche auch selbst, interessante Stoffe zu entwickeln und mit Regisseuren und Verantwortlichen zu sprechen und sie auf gute Ideen zu bringen. Drehbücher schreiben kann ich nicht, aber bei Brainstormings bin ich sehr gut und bei Scriptdiskussionen, weil ich das nun schon seit Jahren mache. Ich hoffe, dass mir auch in Zukunft interessante und komplexe Figuren angeboten werden!

Autor

Interview: Frank Brenner

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