Weinflaschen-Attentat

„Erschlagt die Armen!“ Foto: Meyer Originals

Weinflaschen-Attentat

„Erschlagt die Armen!“ am FWT

Der Mann und die Frau bedrängen die Dolmetscherin so lange, bis sie in der Sandwich-Position festhängt; sich sogar wie ein Schutz suchendes Kind in deren Schoß zu einer Pietà zwingen lässt. Schluss mit dem Selbstbewusstsein. Schluss mit der Souveränität. Die migrantische Dolmetscherin ist wieder zur Unterworfenen geworden. Daniel Kuschewskis Inszenierung konterkariert damit vordergründig die Handlung des Romans der indischstämmigen Autorin Shumona Sinha.

„Erschlagt die Armen!“ beginnt eigentlich damit, dass die Dolmetscherin einer Pariser Migrationsbehörde einem Asylsuchenden eine Weinflasche über den Schädel haut. In der Untersuchungshaft denkt sie über das Lügen produzierende Asylsystem nach und begreift, dass sie selbst nach Jahren der Assimilation immer noch eine Fremde ist. Ein Prozess der unfreiwilligen Distanzierung. Was eigentlich als Monolog angelegt ist, wird im Freien Werkstatt Theater zu einer Art Imaginationsraum, in dem zahlreiche Lautsprecher für die inneren Stimmen der Dolmetscherin stehen. Gefüttert werden die Lautsprecher mit den Stimmen der kühlen Lisa Bihl als Frau und Lucas Sánchez als Mann, die allerdings auch die Asylbeamten, den verhörenden Untersuchungsbeamten oder die Asylsuchenden verkörpern. Nina Karimy als Dolmetscherin macht die Verachtung für die Flüchtlinge und ihre Liebe zur Beamtin Lucia durchaus glaubhaft; auch die zunehmenden Zweifel am Asylsystem, das die Flüchtenden zu immer neuen Lügengeschichten zwingt, nimmt man ihr ab. Schuldig bleibt sie dem Zuschauer allerdings gerade die tiefe Verstörung und Irritation über die verbliebene Fremdheit, die sie mit Job, Freund, Kleidung und freier Liebe in Frankreich überwunden glaubte.

Daniel Kuschewsky löst zudem die Monologstruktur auf: Den Kommentaren der Dolmetscherin über Asylverfahren, Migranten und Behörden stellt er Kommentare des Mannes und der Frau zum Verhalten der Dolmetscherin an die Seite. Deren wütender Furor, auch sich selbst gegenüber, wird so plötzlich objektiviert. Die verstörende Ambivalenz des Buches wird so nicht nur weich gespült, sondern sogar teilweise zurückgenommen.

„Erschlagt die Armen!“ | R: Daniel Kuschewski | 17.,18., 29., 30.12. 20 Uhr | Freies Werkstatt Theater | 0228 32 78 17

Autor

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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