„Was sie durchmachen mussten, bleibt in den Kindern drin, ihr Leben lang“

Seelentröster Stofftier Foto: Sabrina Didschuneit

„Was sie durchmachen mussten, bleibt in den Kindern drin, ihr Leben lang“

Erich Bethe über das Tabuthema Kindesmissbrauch – Thema 12/16 Kindersegen

engels: Herr Bethe, Sie und Ihre Frau engagieren sich mit der gemeinsamen Stiftung schon seit einiger Zeit gegen Kindesmissbrauch. Wie machen Sie das?
Erich Bethe: Die Stiftung haben wir vor 20 Jahren gegründet. Wir haben vier Förderschwerpunkte. Der erste sind 14 stationäre Kinderhospize, die von uns gefördert und teils von uns gebaut wurden, wie das Hospiz in Wuppertal-Cronenberg. Seit 17 Jahren engagieren wir uns in der Förderung von Einrichtungen gegen Kindesmissbrauch. Außerdem finanzieren wir seit 2010 Reisen von Schülern nach Auschwitz und in andere Vernichtungslager der Nazis zur politischen Bildung. Seit letztem Jahr sind wir auch in Flüchtlingsprojekten engagiert.

Welche Organisationen und Einrichtungen unterstützen Sie in Sachen Missbrauch?
Wir arbeiten mit Einrichtungen zusammen, die sich dagegen einsetzen. Unser Hauptkontakt ist der Deutsche Kinderschutzbund, der in fast jeder deutschen Stadt vertreten ist. In Nordrhein-Westfalen sitzt der Landesverband in Wuppertal. Wir haben in mehr als 40 Städten in Deutschland Projekte des Kinderschutzbundes gefördert. Die direkte Unterstützung besteht zum Beispiel darin, dass in Gerichtsverfahren gegen Täter eine Gerichtsbegleitung der missbrauchten Kinder stattfindet. Die Aussage vor Gericht fällt den Kindern oft äußerst schwer. Die Vertrauten vom Kinderschutzbund und den angeschlossenen Einrichtungen sind deshalb mit ihnen vor Ort.

Welche weiteren konkreten Maßnahmen unterstützen Sie?

Bergisch Gladbach
ZUR PERSON: Roswitha und Erich Bethe (beide 77) spenden seit Jahren einen Großteil ihres Vermögens über die eigene Bethe-Stiftung in soziale Projekte, Foto: Enric Mammen


Das sind Projekte zur aufsuchenden Traumaarbeit oder Förderungen von Weiterbildungen für Mitarbeiter aus entsprechenden Einrichtungen, aber auch Förderprojekte für Chancen durch Bildung von Grundschulkindern, gegen Kindervernachlässigung oder Treffs von Müttern, damit sie sich austauschen können. In Zusammenarbeit mit dem Verein Zartbitter aus Köln und Münster wurden Filme in Schulen gezeigt, die helfen, wie sich Kinder im Fall von Missbrauch oder Misshandlung verhalten können.

Und der Kinderschutzbund fungiert also als Partner, der Ihre Stiftungsgelder nutzt.
Genau. Bei uns werden verschiedene Anträge zu Projekten oder in finanziellen Notlagen gestellt. Wir haben im Ganzen für die Einrichtungen gegen Kindesmissbrauch rund drei Millionen Euro eingesetzt. In der Regel ist noch viel mehr zusammengekommen, weil wir die Spenden verdoppeln.

Was hat es mit der Verdoppelung auf sich?
Bis zu einem bestimmten Betrag verdoppeln wir die Summe der eingenommenen Gelder aus einer offenen Spendenaktion. Die Bevölkerung macht häufig mehr mit, wenn das Projekt durch die Medien bekannt wird und sie weiß, dass ihre Spenden verdoppelt werden. In Schwerin haben wir zum Beispiel bis 30.000 verdoppelt und 75.000 Euro sind dabei rausgekommen. In einer anderen Einrichtung haben wir für 20.000 verdoppelt, es kamen aber 600.000 Euro raus – weil durch die Aufmerksamkeit Geld aus einem Testament dazukam.

Wie vielen Kindern haben Sie dadurch schon geholfen?
Das ist schwer zu sagen. Es kommt auf die einzelnen Einrichtungen an. Größere Institutionen haben im Jahr bis zu 2.000 Kontakte. Wir fördern aber auch gerne Einrichtungen, die nicht institutionell organisiert sind, die aber hervorragende Arbeit in diesem Tabuthema leisten. Häufig kommen die Täter ja aus dem engsten Umfeld der Opfer.

Hat es einen Anlass für Ihr Engagement gegeben?
Wir haben viele schreckliche Berichte über den Missbrauch und die Misshandlung von Kindern gelesen und gesagt, wir müssen uns in diesem Bereich engagieren.

Gibt es Beispiele von Kindesmisshandlungen, die Sie besonders betroffen gemacht haben?
Einer der ersten Fälle kam aus Düsseldorf. Acht Mädchen, teils mit Behinderungen, waren für zwei Wochen nach Sylt gefahren. Dort wurden mindestens drei von ihnen vom Leiter der Fahrt missbraucht – vom Leiter, einem Psychologen! Die Mädchen haben sich an eine von uns unterstützte Stelle gewandt, in der eine Vertrauensperson arbeitete. Der Fall ging vor Gericht, wir konnten durch Verdoppelung mit 80.000 Euro unterstützen.

Prävention ist ein großer Schwerpunkt Ihrer Stiftung. Was kann man tun, um Missbrauch zu verhindern?
Prävention ist wichtig. Wir fördern auch Projekte, bei denen zu Tätern Kontakt aufgenommen wird, um wiederholten Missbrauch zu verhindern. Es kommt darauf an, dass sie das nicht wieder machen. Drakonische Strafen bringen in dem Zusammenhang nicht immer etwas. Generell wird über das ganze Thema nicht gern gesprochen, es ist aber leider ziemlich verbreitet.

Macht Sie das wütend, dass Kinder auch heute noch misshandelt werden?
Ja natürlich. Wir haben immer noch jeden Monat ungefähr 30 Anträge auf dem Schreibtisch liegen. Natürlich wäre es das Beste, wenn unsere Arbeit nicht mehr nötig wäre. Leider haben unsere Einrichtungen genug zu tun. Wir rufen deshalb auch zur ehrenamtlichen Mithilfe auf.

Sind Kinder schwerer von Misshandlungen betroffen als Erwachsene?
Was sie durchmachen mussten, bleibt in den Kindern drin, ihr Leben lang. Das wird an einem weiteren Fall deutlich. Anfang der 70er Jahre hatte ein Priester in Köln mehrere Jungen und Mädchen missbraucht. Das ist aber erst vor kurzer Zeit herausgekommen, als endlich darüber gesprochen werden konnte. Ende der 80er Jahre war der Täter bereits verstorben.

Sie wollen gesellschaftliche Prozesse anstoßen. Wie entsteht Kindesmissbrauch in der Gesellschaft aus Ihrer Sicht?
Ich kann sagen, was man dagegen tun kann: Es muss in jedem Fall darüber geredet werden. Früher wurde das gar nicht gemacht. Die öffentliche Diskussion ist erst in den letzten Jahren in Gang gekommen. Früher wurde es für unmöglich gehalten, dass der eigene Vater oder Onkel das Kind anrührt. Selbst die eigene Mutter hat das nicht geglaubt – es sei denn, sie hat es gesehen. Leute, die so etwas machen, müssen durch die öffentliche Diskussion ein Unrechtsbewusstsein bekommen. Möglicherweise können wir dazu ein bisschen beitragen.

INTERVIEW

FLORIAN SCHMITZ

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