„Volkstheater muss weiblicher sein“

Susanne Schmelcher, Foto: Mel Hubach

„Volkstheater muss weiblicher sein“

Susanne Schmelcher über die Komödie „Automatenbüfett“

Adam trifft Eva – so beginnt Anna Gmeyners Stück „Automatenbüfett“ von 1931. Herr Adam rettet die junge Eva, die sich aus Liebeskummer das Leben nehmen will. Er bringt sie nach Hause in die Kleinstadt Seebrücken, in der seine Frau ein Restaurant mit Automatenbüfett führt. Weil die Honoratioren nach der jungen Frau gieren, spannt Adam Eva als Promoterin ein, um seinen Plan einer Fischfabrik im Ort zum Durchbruch zu verhelfen – was in einem Desaster endet. Susanne Schmelcher inszeniert Anna Gmeyners wiederentdeckte Komödie im Volkstheater am Rudolfplatz.

choices: Frau Schmelcher, wie sind Sie auf das Stück „Automatenbüfett“ gestoßen?

Susanne Schmelcher: Ich bin auf das Stück durch die Kolumne „Spielplan-Änderung“ in der FAZ aufmerksam geworden. Da wurde vorgeschlagen, dass man doch auch mal andere Stücke spielen soll, anstatt der üblichen Autoren. Der Fokus lag auf selten gespielten oder vergessenen Autorinnen wie Marieluise Fleißer und Else Lasker-Schüler oder eben Anna Gemeyner und ihr Stück „Automatenbüfett“. Ich habe den Text gelesen, dann hat Barbara Frey das „Automatenbüfett“ am Wiener Burgtheater inszenierte. Und jetzt gibt es fast eine kleine Anna Gmeyner-Renaissance.

Zur Person: 
Susanne Schmelcher
, geboren 1984, inszenierte an den Theatern in Kaiserslautern, Heidelberg, Konstanz und Innsbruck. Am Theater im Bauturm führte sie bei „Kleiner Mann – was nun?“ und „Madonnas letzter Traum“ Regie, das mit dem Kurt-Hackenberg-Preis für politisches Theater 2021 ausgezeichnet wurde.
Foto: Mel Hubach

Wer war Anna Gmeyner?

Anna Gmeyner war eine österreichische Autorin, die in den 1920er und 1930er Jahren Stücke, aber auch Drehbücher, Erzählungen oder Liedtexte geschrieben hat. Das „Automatenbüfett“ ist 1931 entstanden und wurde am Thalia Theater in Hamburg uraufgeführt. Die Kritiken waren sehr positiv und es folgten Inszenierungen an anderen großen Häusern. 1932 wurde das „Automatenbüfett“ auf Druck der nationalsozialistischen Presse von den Spielplänen genommen. Sie ist eine total interessante Autorin. Sie hat vier Stücke geschrieben, darunter zwei über Bergarbeiter oder die Arbeit am Fließband, wofür sie sich in Wallraff-Manier in Betriebe reingeschmuggelt hat. 1933 ging Anna Gmeyner ins Exil, zunächst nach Paris, dann nach London.

„Die Kleinstadt Seebrückenist eine Art Metapher dafür, wie klein die Welt ist“

Was fasziniert Sie an Anna Gmeyners „Automatenbüfett“?

Ihr „Automatenbüfett“ hat eine große Qualität und vor allem eine unglaubliche Dichte. Vieles erinnert mich an die Volksstücke von Ödön von Horváth. Einerseits sind da diese ungeheuer einsamen Menschen, dann auf der anderen Seite besitzt das Stück eine enorme komödiantische Qualität. Das Stück beschreibt, wie eine Gesellschaft funktioniert, kurz bevor der Nationalsozialismus die Macht übernimmt. An einer Stelle sagt der Redakteur Arendt, er müsse etwas über Blumen schreiben, es solle irgendwie schön, antisemitisch, aber nicht aggressiv sein. Und es soll Werbung machen für die Blumenkästen von irgendeiner Firma, die in der Zeitunginseriert. Eigentlich will Arendt ganz andere Dinge schreiben, aber er als Redakteur wie auch die Gesellschaft haben sich mit dem Antisemitismus abgefunden – wohlgemerkt vor der Machtübernahme der Nazis.

Sie haben auf Horváth und seine Volksstücke hingewiesen, Sie spielen im Volkstheater am Rudolfplatz – wie viel Volksstück steckt im „Automatenbüfett“?

Volkstheater ist ein sehr dehnbarer Begriff, der Horváth genauso einschließt wie Millowitsch. Volkstheater kann und muss einen derben Witz haben, es soll abbilden, was eine Stadt oder die Gesellschaft gerade umtreibt. Allerdings beschränken sich die klassischen Volkstheater-Motive eher auf junge Männer, die sich in Frauen verlieben, ein bisschen Schwank, was fürs Herz, `n Brötchen mit dabei und ein Happy End – ich glaube, man kann das anders erzählen, als es bisher gemacht wurde. Und das fängt bei der Besetzung an. Volkstheater in unserem Sinne muss weiblicher sein und das zeigt sich bei uns schon in der Besetzung. Unser Team ist sehr weiblich, von der Autorin über die Regie bis zum Ensemble. Wir haben aber auch Gerd Köster als Musiker dabei, der alle Liederauf Kölsch singt. Dann gehören der Musikkabarettist Buddy Sacher und Susanne Pätzold, die aus der Comedy kommt, zum Ensemble. Zugleich werden auch vier Bürger:innen der Stadt Köln auf der Bühne stehen, die einen Bürgerchor bilden. Es wird auf Kölsch gesungen, einige Figuren sprechen auch Kölsch, andere wiederum Bayrisch. Wir nutzen also zahlreiche Volkstheaterelemente.

Das Stück spielt in Seebrücken – wofür steht diese Kleinstadt?

Also ich denke, diese Kleinstadt Seebrücken ist eine Art Metapher dafür, wie klein die Welt ist. Es könnte auch in irgendeinem Veedel spielen. Und es ist eine Metapher, wie gesellschaftliche Mechanismen funktionieren. Zugleich steht das „Automatenbüfett“ für einen sehr zeitgenössischen Glauben an den Fortschritt, mit dem man mitgehen will. Adams Idee, drei Fischteiche zur Basis einer industriellen Aufzucht mit angeschlossener Fischindustrie zu machen, ist eng mit dieser absurden Idee von Fortschritt verknüpft. Wir haben bei den Proben viel darüber gesprochen, wie aus einer kleinen Idee allmählich eine pervertierte Utopie wird.

„Alle haben Angst um ihr Geld und um ihre Interessen“

In diese Gesellschaft kommt die junge Eva hinein. Was ist sie für eine Frau?

Eva ist eine junge Frau, die mit einem Mann, dem geliebten Willibald Boxer, zusammen war, der sie sehr schlecht behandelt hat. Sie ist verzweifelt und will sich umbringen. Herr Adam rettet sie vor dem Selbstmord und benutzt sie anschließend als Medium für seine Idee der Fischindustrie. Eva fasziniert die anderen Männer Seebrückens deshalb, weil sie eigentlich nichts mehr will. Sie ist frei. Sie erwartet nichts mehr vom Leben und deshalb können alle in sie hineinprojizieren, was sie gerne in ihr sehen wollen. Ihre besondere Ausstrahlung beruht darauf, dass sie nicht mehr nötig hat, was alle anderen nötig haben. Alle haben Angst um ihr Geld und um ihre Interessen. Im Endeffekt ist sie wie ein Katalysator, mit dessen Hilfe die Idee der Fischindustrie wächst und dann, als das Geld ausbleibt, wieder zusammenfällt.

Was verbindet letztlich Adam mit Eva?

Eva steht für private Interessen und Selbsterfüllung. Adam verkörpert eher den Anspruch, gesellschaftlich etwas vom Leben zu wollen. Er steht für eine Gesellschaft, die sich irgendwie weiterentwickeln möchte. Beide müssen aber feststellen, dass das offenbar kein Interesse findet. Adam und Eva werden beide enttäuscht. Am Ende stehen sie sich gegenüber und gestehen sich ein: Ich habe nichts gefunden. Dann haben wir uns halt gefunden. Das ist dann zwar keine Liebe. Aber sie sind beide gleichermaßen enttäuscht und darin liegt vielleicht auch schon wieder ein Anfang – wie so eine merkwürdige Hoffnung in vollkommener Verlorenheit.

Automatenbüfett | R: Susanne Schmelcher | 5. – 7., 9.-13., 28., 29.3. | Volksbühne am Rudolfplatz | 0221 28 01

Interview:

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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