Verschmutzung für die Ewigkeit – THEMA 04/16 Wasserschaden

Plastik-Planscher: praktisch, niedlich, verheerend, Foto: Cornelia Wortmann

Verschmutzung für die Ewigkeit – THEMA 04/16 Wasserschaden

„The Ocean Cleanup“ und „Fishing for Litter“ wollen das Meer vom Müll befreien

Wenn seine Idee funktioniert, könnte der 21-jährige Boyan Slat einer der nächsten Nobelpreisträger werden. Er sollte es dann sogar unbedingt. Denn dann hätte der junge Niederländer, geboren in Delft, die Menschheit von einem großen Problem befreit: Der Verschmutzung der Ozeane durch Plastik und anderen Müll. Seine Idee ist so einfach wie genial, so dass man sich schon fragt, warum zum Teufel die versammelte Erdbevölkerung mit all ihren Wissenschaftlern und ihrem finanziellen Potenzial nicht schon vorher darauf gekommen ist. Anstatt den Müll mühsam aufzufischen, will Slat 50 Kilometer lange, angewinkelte Fangarme im Meer aussetzen, in denen sich der Müll mithilfe der Strömung von selbst verfängt. In der Mitte soll ein Auffangturm stehen, durch den das Konstrukt auch mit dem Meeresboden verankert ist. Per Förderband soll der Müll über den Turm in eine Art Silo gebracht werden, vollautomatisch. Achtmal im Jahr sollen die Container geleert werden.

„The Ocean Cleanup“, „die größte Aufräumaktion in der Geschichte der Menschheit“, nennt Slat sein Projekt. 2011 kam er während eines Strandurlaubs auf die Idee, als er sich über die verschmutzte Küste ärgerte. Damals war er 16 Jahre alt. Drei Jahre später hatte er per Crowdfunding bereits zwei Millionen Dollar auf dem Projektkonto gesammelt, die ersten Tests konnten starten. In diesem Jahr soll es ernst werden. Dann will er zwischen Japan und Südkorea einen Prototyp aussetzen. 24 der Fangarme sollen es auf den Weltmeeren am Ende insgesamt sein, um effektiv arbeiten zu können. Slat rechnet mit Gesamtkosten von sechs Milliarden Euro. Medien zitieren ihn, dass das ein Schnäppchen sei, verglichen mit den Schäden, die durch die Verschmutzung entstünden.

Acht Millionen Tonnen Plastikmüll verschmutzen die Ozeane jährlich aufs Neue, will die amerikanische Umweltforscherin Jenna Jambeck festgestellt haben, andere Studien sprechen von 12,7 Millionen Tonnen. Schwer zu erfassen, aber ihr Landsmann Marcus Eriksen vom Forscherteam „5 Gyres“ schätzt die Gesamtsumme des Mülls auf 269.000 Tonnen in fünf Billionen einzelnen Plastikteilen, von der Tüte bis zum Krümel. „Die ökologischen Folgen für die Meeresumwelt sind vielfältig: Seevögel und Meeressäuger ersticken oder verhungern. Und auch Fische, Muscheln und Kegelrobben sind heute durch Mikroplastik belastet“, erklärt der Naturschutzbund Deutschland (NABU) das Problem.

Auf etwas konservativere Art und Weise als der junge Entrepreneur Slat ist die Initiative KIMO („Kommunenes Internasjonale Miljøorganisasjon“) mit ihrem 2005 gestarteten „Fishing for Litter“ aktiv. Das 1990 gegründete Netzwerk aus Dänemark ist mit der Idee angetreten, die Meere Nordeuropas vom Müll zu befreien. Heute zählen sich sechs Millionen Europäer als Helfer zu KIMO. Die Initiative setzt unterschiedlich an. Durch Aufklärungsarbeit will KIMO helfen, den Müll gar nicht erst ins Meer gelangen zu lassen; angesprochen sind die Fischer selbst, aber auch die Bewohner der Küstenregionen und die Touristen. Am „International Coastal Cleanup Day“, einer Art Dreck-Weg-Tag für die Strände, beteiligen sich jedes Jahr laut eigenen Angaben der Initiative mehrere hunderttausend Menschen. Sie reinigen die Küsten von Skandinavien, Schottland, Südwestengland, den Niederlanden und des Baltikums per Hand vom angeschwemmten Müll.

In Deutschland ist der NABU in das „Fishing for Litter“-Programm involviert, der sich der Initiative 2010 angeschlossen hat. Der Naturschutzbund arbeitet mit Fischern in der Nord- und Ostsee zusammen, Ende 2015 waren es laut dem NABU 120 Personen. In der Regel wurde der Müll, der sich in den Netzen gesammelt hatte, nicht aufgenommen oder fachgerecht entsorgt. Deshalb werden die teilnehmenden Fischer vom NABU mit großen Sammelsäcken ausgestattet. Dort werfen sie den Abfall hinein, der sich während der Arbeit in ihren Netzen verfängt. In den Häfen stehen Container, in denen die Fischer den Müll abgeben können, der danach sortiert und eventuell recycelt werden kann.

Bis 2020 sind die Staaten der Europäischen Union übrigens aufgefordert, die Meere Europas in einen „guten Zustand“ zu bringen. Das wurde 2008 in der Europäischen Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (MSRL) vereinbart. „Jeder Mitgliedstaat hat eine Meeresstrategie zu entwickeln, um einen guten Zustand für seine Meeresgewässer, in Deutschland für Nord- und Ostsee, zu erreichen“, heißt es seitens des Bundesumweltministeriums. Das Ministerium setzt die Richtlinie gemeinsam mit den Bundesländern mit Küste um. Nachdem eine Bewertung des Meereszustands vorgenommen wurde, soll es in 2016 losgehen mit einer praktischen Umsetzung von Maßnahmen. 2018 soll der erste Zwischenbericht erfolgen.

Autor

FLORIAN SCHMITZ

Dieser Artikel erschien auf www.engels-kultur.de, lesen Sie weitere Artikel auf www.engels-kultur.de/thema

0