„Typen wie wir verewigen einen Ruhrpott-Charme“

Starczewski (li.) bei den Dreharbeiten, Foto: Dominik Asbach

„Typen wie wir verewigen einen Ruhrpott-Charme“

Gerrit Starczewski über seinen Film „Glanz, Gesocks & Gloria“

trailer: Gerrit, seitdem wir das Interview hier in der Currywurstbude führen, haben dich schon mehrere Passanten auf deinen Film „Glanz, Gesocks & Gloria“ angesprochen. Wie groß ist eigentlich die Resonanz?

Gerrit Starczewski: Die Leute sind froh, dass es Typen wie uns gibt, die so einen Ruhrpott-Charme filmisch verewigen. Es gingen fast fünf Jahre drauf, um das Projekt zu realisieren und in die Kinos zu bringen. Während unserer Tournee waren fast alle Kinos ausverkauft. Die Leute feiern das Herzblut, das hinter diesem Projekt steht. Daher ist es auch großartig, wenn die Menschen einen in der Stadt wiedererkennen.

Einen wirtschaftlichen Profit konnte der Film allerdings nicht realisieren …

Am Ende kostete mich der Film 70.000 Euro. Durch die Kino-Tour spielt der Film bis zu zwanzigtausend Euro ein – falls es gut läuft. Meine Ersparnisse sind folglich aufgebraucht und ich bin pleite. Trotzdem war es das wert, den Film zu realisieren.

Wieso hast du keine Förderungen erhalten?

Die Filmförderung in Deutschland ist ein System, das man absolut kritisieren kann: Es kann nicht sein, dass gewisse Regisseure immer ihre Förderung erhalten – egal, was sie dafür einreichen. Til Schweigers „Manta“-Fortsetzung erhält etwa um die 2 Millionen an Förderung aus Steuergeldern, obwohl sich Schweiger als der größte kommerzielle Filmemacher Deutschlands feiert. Das Geld sollte doch eher den Künstlern zustehen, die andere Wege finden und mitunter nicht so etabliert sind. Mir gefiel dagegen immer der Independent-Filmer Klaus Lemke, der für seine Produktionen mutig auf das eigene Geld setzte.

Zur Person: Gerrit Starczewski
(* 1986 in Oberhausen) wuchs in Hamminkeln am Niederrhein auf. Mit 26 Jahren schaffte er den Durchbruch als Fotograf. Nach ersten Dokus und einem Roadmovie im Vertrieb von Pottoriginale feierte „Glanz, Gesocks & Gloria“ am 23.9. in Bochum Weltpremiere. Foto: Dominik Asbach

Du hast dich entschieden, mit Laiendarstellern wie Tankwart und dem VfL-Jesus zu arbeiten. Wie hat sich die Zusammenarbeit ergeben und wie stehst du zum Vorwurf eines Sozialvoyeurismus à la RTL?

Als Fotograf bin ich auf der Straße groß geworden. Zudem wurde ich in der Ostkurve des Ruhrstadions und an der Hafenstraße in Essen sozialisiert. Wenn man in diesem Fußball-Milieu aufwächst, hat man gewissen Typen um sich herum: kernig, aber mit dem Herz an der richtigen Stelle. Außerdem können sie auch mal über sich selbst lachen. Diese Eigenschaften wollte ich dokumentieren und dabei entwickelte sich auch ein Gespür für die Menschen und ihre Situationen. Irgendwann ließ ich etwa den VfL-Jesus einfach mal vor der Kamera quatschen. Er begann, auf eine berührende und ehrliche Art über seine Liebe zum VfL zu reden. So fing alles an – genauso wie später mit dem Glockenhorst an der Hafenstraße. Auch da war ich der erste, der ihn vor die Kamera setzte, damit er über seine Liebe zu Rot-Weiss Essen spricht. Dadurch entstand eine emotionale Bindung zu diesen Figuren. Aber ich wollte nicht Spielfilme drehen, sondern Dokumentarfilmer bleiben.

Was macht ein „Pott-Original“ aus?

Ein Pott-Original kann auf unterschiedliche Weise besonders sein. Alle Menschen, die ich zeige, sind sehr sensibel. Obwohl sie auch prollig sein können. Sie haben das Herz auf der Zunge. Zudem wuchsen alle diese Charaktere ohne viel Geld auf. Da sie also nur den Fußball hatten und dafür lebten, können sie sich mehr über Kleinigkeiten im Stadion freuen. Die Freude von Tankwart oder des VfL-Jesus über einen Sieg ihres Vereins überwiegt das Glück von Reichen, die mit ihrem Jet quer durch die Welt reisen. Ihr Glück liegt also in der Aufmerksamkeit für die kleinen Dinge. Gerade deswegen begegne ich Menschen wie dem Tankwart mit Respekt. Mir missfällt es daher, wenn gesagt würde, ich würde sie nur zur Schau stellen.

Inwiefern ist das Ergebnis auch ein Heimatfilm?

Ja, es ist ein Heimatfilm, das ist absolute Ruhrgebietsfolkore. Es ist ein Panoptikum von skurrilen und geilen Ruhrpott-Typen, die für mich einfach Heimat darstellen. Denn das Ruhrgebiet ist eben mit Fußball, Bier und manchmal auch dummen Sprüchen verknüpft. In München etwa würde man auf der Straße andere Passanten siezen.

In deinem Streifen finden sich unzählige Reminiszenzen an den Ruhrgebietsfilm: von „Manta Manta“ bis Peter Thorwarts „Unna“-Trilogie.

Ja, Peter Thorwarths „Bang Boom Bang“ hat mich natürlich geprägt. Im Grunde machte ich eine spirituelle Fortsetzung, ohne dabei auf meinen eigenen Stil und Charme zu verzichten. Aber der Ruhrgebietshumor kokettiert mit bestimmten Dingen: prolliges Auftreten, Autos oder Looks. Das kennzeichnete auch die genannten Filme. Mit diesem Humor bin ich großgeworden und er spiegelt sich in meinem Film wider.

Interview:

Benjamin Trilling

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