Tonspur im Bewegtbild

Pop als Projektionsfläche: „Tokyo Idol“ von Kyoko Miyake Foto: CatnDocs

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Im Doppelpack: Soundtrack-Kongress und Musikfilmfestival

Unter dem Soundtrack von Köln stellt sich wohl jeder etwas anderes vor. Für den einen sind es die schlecht geölten Straßenbahnen, die quietschend die Kurve nehmen, für die anderen der Lärm der vielen Baustellen. Der eine mag sich tuckernde Frachtschiffe vorstellen, der andere den Dicken Pitter im Dom. Und wieder andere denken sofort an die legendären Kölner Krautrocker Can oder an den elektronischen Sound of Cologne mit seinem Flaggschiff – dem Technolabel Kompakt. SoundTrack_Cologne ist hingegen ein Kongress, der als Branchentreff an drei Tagen die Schnittmenge zwischen Musik und Film (25.8.) bzw. TV (26.8.) und Games (24.8.) auslotet. Sicher eine Nischenveranstaltung, aber es werden populäre Themen verhandelt: Am Thementag „Film und Musik“ wird der Düsseldorfer Pianist Hauschka von seinen Erfahrungen als Komponist für den Film „Lion – Der lange Weg nach Hause“ reden. Die Amerikanerin Lesley Barber hat die Musik zu dem Familiendrama „Manchester by the Sea“ komponiert und wird Einblicke in ihre Arbeit bringen. Auch das Programm der Games- und TV-Tage wird prominent mit Referenten besetzt sein, an allen Tagen finden außerdem Workshops statt. European Talent Competition und der Peer Raben Musik Award runden das Programm des Kongresses ab.

Mehr als ein Begleitprogramm ist inzwischen das Musikfilmfestival See the Sound. Das gar nicht mehr so kleine Filmfestival ist Rahmenprogramm des Kongresses und Anknüpfungspunkt für ein musikinteressiertes Filmpublikum in der Stadt. Bei See the Sound dreht sich alles um Musik – ob als Genre, Monografie oder gesellschaftliche Betrachtung abgehandelt: Das Programm ist vielfältig. Die Dokumentation „Liberation Day“ hat die slowenische Industrial-Band Laibach bei ihrer Nordkorea-Tour begleitet. Richtig gelesen – Nord-Korea! Aber um Provokationen war die Band ja seit ihrer Gründung in den frühen 80er Jahren noch nie verlegen. Das „dokumentarische Musical“ beobachtet das Spiel zwischen Kunst-Kollektiv und kommunistischer Diktatur. „Revolution of Sound“ wurde bereits Anfang des Jahres auf der Berlinale gezeigt. Die Dokumentation widmet sich der einflussreichen Krautrock Band Tangerine Dream um das 2015 verstorbene Gründungsmitglied, den Elektronikmusiker Edgar Froese. Die Dokumentation „Bunch of Kunst“ porträtiert hingegen die coolen Minimal-Proleten von Sleaford Mods. Das nicht nur das gute alte Vinyl lebt, sondern auch die Audiokassette, das belegt „Cassette: A Documentary Mixtape“, eine Doku mit unter anderem Henry Rollins und Thurston Moore. Popkulturelle Phänomene in Japan waren immer schon eine genauere Untersuchung Wert: „Tokyo Idols“ beschäftigt sich mit jungen Sängerinnen, die mal mit, mal ohne erotischen Unterton von erwachsenen, meist einsamen Männern verehrt werden. Das Festival bringt auch die eindringliche Nick-Cave-Dokumentation „One More Time with Feeling“, die im vergangenen Jahr nur an einem einzigen Tag in den Kinos gezeigt wurde, noch einmal auf die große Leinwand. In einer kleinen Spielfilmreihe werden auch Terrence Malicks Oberflächencollage „Song to Song“ und Andrea Arnolds „American Honey“, das Porträt einer ungewöhnlichen Drückerkolonne aus Teenagern, noch einmal gezeigt. Insgesamt zeigt das Festival 22 Filme, davon neun Deutschlandpremieren im mit 2500 Euro dotierten Wettbewerb. Viele der hier gezeigten Filme werden regulär wohl nicht im Kino zu sehen sein.

SoundTrack_Cologne 14 | 24. – 26.8. | Fritz Thyssen Stiftung | www.soundtrackcologne.de

See the Sound | 23. – 27.8. | Filmforum NRW, Turistarama, Fritz Thyssen Stiftung, MAKK

Autor

CHRISTIAN MEYER-PRÖPSTL

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