„Tierversuche haben keinen Nutzen für die Forschung“ – THEMA 07/15 Veganes Leben

Klug, sozial und ohne Nutzen für die Humanmedizin: die Ratte, Foto: Maxi Braun

„Tierversuche haben keinen Nutzen für die Forschung“ – THEMA 07/15 Veganes Leben

Ärztin Eva Katharina Kühner von „Ärzte gegen Tierversuche“

Dr. med. Eva Katharina Kühner ist aktive Tierversuchsgegnerin und Tierrechtlerin. Im Interview argumentiert die Sprecherin von „Ärzte gegen Tierversuche“ wissenschaftlich, warum Tierversuche wenig zielführend und kontraproduktiv sind.

choices: Werden für die biologische Grundlagenforschung wie Epilepsie-, Alzheimer-, Demenz- oder Parkinson-Forschung wirklich Tierversuche benötigt?
Eva Katharina Kühner: Nein, definitiv nicht. Sie sind wissenschaftlich unsinnig und selten zielführend. Sie bringen nicht nur kaum Fortschritt, sondern führen häufig sogar in eine Sackgasse. Es gibt eine geringe Übertragbarkeit von Tieren auf Menschen. Was beim Tier wirkt, funktioniert beim Menschen häufig überhaupt nicht. Von wie vielen Medikamenten aus der Forschung haben Sie schon gehört, die dann sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden sind, weil sie die in sie gesetzten Hoffnungen in keiner Weise erfüllt haben. Das ist wie eine Lotterie, im Einzelfall stimmen die Ergebnisse der Tierversuche mit den Funktionsweisen bei Menschen überein. Letztlich muss man alle Medikamente ohnehin am Menschen ausprobieren.

Dr. med. Eva Katharina Kühner promovierte im Bereich kognitive Neurowissenschaften. Seit 2012 ist sie aktive Tierversuchsgegnerin und Tierrechtlerin und Vereinssprecherin von „Ärzte gegen Tierversuche e.V.“, Foto: Presse

Welche Alternativen zu Tierversuchen gäbe es für die Forschung?
Es gibt mittlerweile sehr viele deutlich bessere Methoden als Tierversuche. Computersimulationen gehören dazu, außerdem die Arbeit mit menschlichen Zellkulturen oder auch mit Organchips. Dabei werden auf einem Chip mittels menschlicher Zellen ein oder mehrere Organe nachgebildet, die wie im menschlichen Körper reagieren. Der Chip verhält sich dann wie ein Mini-Mensch oder ein Organ. Gute Erfolge hat die Forschung auch mit dem sogenannten Microdosing erzielt. Hier verabreichen die Forscher kaum noch messbare, sehr kleine Dosierungen. Mit neuen, hochsensiblen Messmethoden können sie herausfinden, wie der Körper den Wirkstoff aufnimmt. Aber das Hauptproblem ist, dass diese modernen und „gewaltfreien“ Methoden gesetzlich nicht anerkannt sind. Die Pharmaindustrie ist gesetzlich gezwungen, Tierversuche durchzuführen, ob sie will oder nicht. Nicht nur in Deutschland übrigens, sondern genauso zum Beispiel in der Schweiz, den Niederlanden und Russland.

Machen „Ärzte gegen Tierversuche“ eigentlich einen Unterschied zwischen zum Beispiel Affen und Ratten, an denen Tierversuche unternommen werden?
Nein, wir machen keinen Unterschied. Alle Tierversuche müssen verboten werden, weil sie grausam, brutal und vollkommen überflüssig sind.

Halten Sie es für sinnvoll, ethisch eine Unterscheidung zwischen Tier und Mensch zu machen? Wie stehen Sie zu Peter Singers Thesen, der den Unterschied infrage stellt?
Wir argumentieren in erster Linie sachlich und in diesem Zusammenhang ist unser zentraler Ansatz, den Unterschied zwischen Mensch und Tier gerade hervorzuheben: Tierische Organismen reagieren keinesfalls vergleichbar mit menschlichen. Nehmen Sie zum Beispiel Schimpansen, sie haben zu 99 Prozent identische Gene wie Menschen, trotzdem erkranken sie niemals an HIV, Malaria oder Hepatitis B. Oder Krebs: Bei Ratten und Mäusen ist er seit Jahren heilbar, auf Menschen ist das nicht übertragbar. Oder Parkinson und Alzheimer: diese Erkrankungen kommen im Tierreich gar nicht in der Form vor, wie sie beim Menschen entstehen. Die künstlich hervorgerufenen Symptome, die diesen Erkrankungen angeblich ähneln, haben in Wirklichkeit nichts mit der menschlichen Erkrankung zu tun. Bei Menschen spielen zum Beispiel psychische und soziale Faktoren eine große Rolle.

Ethisch stehen wir auf dem Standpunkt, dass alle Tiere ein Recht auf Leben haben und Wissenschaftler ebenso wie Ärzte oder Tierärzte kein Leiden hervorrufen dürfen. Sie sind dem Berufsethos verpflichtet, Leben zu retten und Leiden zu heilen. Gute Wissenschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie kein Leiden hervorruft und keine Schäden verursacht.

Was würde passieren, wenn ab morgen gar keine Tierversuche mehr in Deutschland stattfinden würden?
Wir fordern genau das. Tierversuche sollten sofort verboten werden. Da sie, wie schon beschrieben, ohnehin keinen Nutzen für die Forschung haben, würde es relativ folgenlos bleiben. Leider wird nicht genug in tierversuchsfreie Methoden investiert, solange Tierversuche gesetzlich vorgeschrieben sind. Wenn es ein Verbot gäbe, würden die Alternativen sehr schnell Fortschritte machen. Das würde übrigens nach unserer Überzeugung auch bedeuten, dass die Forschung schneller und erfolgreicher bei der Bekämpfung von Krankheiten vorankommt. Die Grundlagenforschung könnte übrigens ab sofort auf Tierversuche verzichten, weil hier Tierversuche nicht gesetzlich vorgeschrieben sind.

Welche Ziele verfolgt Ihr Verein „Ärzte gegen Tierversuche“?
Wir setzen uns, wo auch immer es notwendig ist, dafür ein, Tierversuche ausnahmslos zu verbieten und moderne, tierversuchsfreie Forschung zu etablieren. Das bedeutet vor allem sogenannte Lobbyarbeit zu machen, also Politiker davon zu überzeugen, Gesetze zu verändern. Zunächst einmal muss der Zwang zu Tierversuchen für die Pharma-Industrie abgeschafft werden. Daneben wollen wir vor allem die Öffentlichkeit aufklären und die tiefsitzenden Vorurteile entkräften.Viele Menschen haben Mitleid mit den Tieren, glauben aber, man müsse diese Grausamkeit für den medizinischen Fortschritt in Kauf nehmen. Wir argumentieren wissenschaftlich, das unterscheidet uns auch von vielen anderen Initiativen und Vereinen. Deshalb engagieren sich immer mehr Wissenschaftler in unserem Verein.

Wer hat ein Interesse daran, bei den Tierversuchen alles beim Alten zu lassen? Da geht es doch sicher um viel Geld?
Ganz genau. Es gibt eine Industrie für Versuchstiere, verbunden damit sind Patente. Versuchstiere sind extrem teuer, eine Gen-Maus kann zum Beispiel bis zu 80.000 Euro kosten. Die Pharma-Industrie versucht aus Kostengründen, so weit wie möglich auf Tierversuche zu verzichten, darf dies aber nur in den gesetzlich vorgeschriebenen Grenzen. In Deutschland sterben offiziell jährlich drei Millionen Versuchstiere, wir gehen von einer noch viel höheren Dunkelziffer aus und rechnen in Wirklichkeit eher mit sieben Millionen.

 

Autor

INTERVIEW: KIRSTEN JANTKE

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