Theater und Philharmonie gehen viral

Likes statt Applaus: Sopranistin Christina Clark, Foto: Saad Hamza/TUP

Theater und Philharmonie gehen viral

Die Plattform „TUP trotz(t) Corona“ nutzt YouTube als Bühne

Über zwei Milliarden Menschen waren es, die im Mai 2012 das Video „Gangnam Style“ aufriefen. Der südkoreanische Rapper Psy knackte damit alle YouTube-Rekorde. Die Zutaten seines Hits waren simpel: ein einfacher Electro-Beat, schnelle Schnitte und eine lässige Choreografie, die weltweit schnell Nachahmer fand. Der Medienhype, den „Gangnam Style“ auslöste, drang in höchste Kreise vor. Sogar der damalige US-Präsident Barack Obama versprach, die kultigen Tanzschritte mal auszuprobieren. Während sich Medienexperten auf einen Begriff für ein solches Internetphänomen einigten: virales Video.

Viral gehen nun auch das Theater und die Philharmonie Essen, kurz: TUP. Denn während der Corona-Zwangspause weichen viele Künstler auf YouTube- und Facebook-Kanäle aus, um die Kultur direkt nach Hause zu bringen. Unter dem Schlagwort „TUP trotz(t) Corona“ werden seit Mitte März regelmäßig Videos hochgeladen. Die Beiträge reichen von Lese-Reihen wie etwa Boccaccios Pest-Klassiker „Decamerone“ bis zu Interviews über aktuelle Projekte.

Viele nutzen die aktuelle Kontaktsperre jedoch für kreative Ideen. Silvia Weiskopf, Ensemblemitglied im Schauspiel Essen, wagte prompt eine Parodie der wohl berühmtesten Balkon-Szene. Denn in Shakespeares „Romeo & Julia“ schleicht sich der verliebte Held bekanntlich in den Garten der verfeindeten Capulets, um seinen Herzschmerz in schnörkellosen Versen vorzutragen. Weiskopfs Julia blickt allerdings mit Mundschutz bekleidet herab in einen verwaisten Garten. Kein Romeo in Sicht. Und trotzdem liest sie das berühmte Liebesgeständnis aus der Reclamausgabe vor – sicherheitshalber natürlich mit Handschuhen.

Epidemische Isolation und Langeweile herrscht auch in Tschechows „Drei Schwestern“. Aalto-Ballettintendant Ben Van Cauwenbergh wollte Ende April eine Choreografie der Literaturvorlage präsentieren. Tänzerin Mariya Tyurina vertröstet uns nun immerhin mit einem eleganten Solo-Stück, das für die Premiere vorgesehen war.

Dass neben den Kultureinrichtungen auch die Kitas zuletzt geschlossen blieben, nutzt Aalto-Tänzerin Elisa Fraschetti für eine choreografische Steilvorlage im Hometraining. Denn die Kinder dürfen mitmachen. Gestresste Eltern können das prima mit ihren Kleinsten nachahmen. Vielleicht geht es ja bald genauso viral wie „Gangnam Style“.

TUP trotz(t) Corona | Videos: www.theater-essen.de/meldungen/tup-trotzt-corona/

Autor

BENJAMIN TRILLING

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