„Theater kann gefährlich sein“

Olaf Kröck, Foto: Hans Jürgen Landes

„Theater kann gefährlich sein“

Intendant Olaf Kröck über die Ruhrfestspiele

trailer: Herr Kröck, eigentlich schließen sich Macht und Mitgefühl nach Ausschwitz immer noch aus. Sind das nicht zwangsläufig Antipoden?

Olaf Kröck: Nein. Macht heißt ja nicht nur Diktatur und Unterdrückung. Es ist ein Instrument, das in einer demokratischen, liberalen Gesellschaft ein probates Mittel ist, das genutzt werden muss, um eine Gesellschaft zu organisieren. Da muss Macht verteilt werden, muss übertragen werden, im Sinne von Gewaltenteilung, und da kann – und meiner Meinung nach muss und sollte auch – Mitgefühl ein inkludierter Teil sein. Wie sonst soll Solidarität in einer Gesellschaft stattfinden? Und die ist meiner Meinung nach die wichtigste Basis des Miteinanders. Verrückt ist allerdings, dass dieser Begriff des Mitgefühls zunehmend aus dem Diskurs verdrängt wird, als ein Vorgang von Naivität, von Pragmatismus, er wird denunziert mit Begriffen wie Gutmenschentum. So sehr in einer Gesellschaft Grenzen des Mitgefühls diskutiert werden müssen, weil eine Gesellschaft auch eine gewisse strukturelle Kälte braucht, kann sie überhaupt nicht miteinander auskommen, wenn sie nicht auch Mitgefühl zeigt und zulässt.

Zur Person:
Olaf Kröck
ist seit 2018 Intendant der Ruhrfestspiele. In Viersen geboren, studierte er Angewandte Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim und arbeitete am Institut für Medien- und Theaterwissenschaft. Er war u.a. für die Künstlerische Leitung des Theaterfestivals transeuropa in Hildesheim zuständig, von 2005 bis 2010 Dramaturg am Schauspiel Essen und in der Spielzeit 2017/18 Intendant des Schauspielhauses Bochum. Foto: Hans Jürgen Landes

Das passt zur Inszenierung „Why?“ von Peter Brook. Warum Theater – wenn doch die besten Tragödien heute von der Politik geschrieben werden?

Das ist nicht nur heute, das war schon immer so. Die griechische Tragödie und spätestens bei Shakespeare ist von der Gesellschaft selbst geschrieben worden, natürlich immer in der künstlerischen Übersetzung. Ich fand es interessant, dass Shakespeare nie über Königin Elisabeth geschrieben hat, die mächtigste Herrscherin ihrer Zeit. Bei „Why?“ ist es zum Beispiel so, dass nicht nur die Frage des Theaters diskutiert, sondern auch die Figur von Meyerhold analysiert wird, also einem der größten Revolutionäre des Theaters, der aber im russischen Gulag ums Leben gekommen ist. Also dessen Theater war offensichtlich für die Staatsapparatur hochgradig gefährlich. Dass Theater gefährlich sein kann, hat, so glaube ich, nicht aufgehört. Nicht umsonst werden in osteuropäischen Ländern von Rechtsextremen als erstes Journalisten und Künstler vertrieben.

Wie viel politische Verantwortung haben dann die Ruhrfestspiele?

Ich finde Kunstbetriebe haben nie politische Verantwortung, es macht aber Sinn, eine Aufgabe zu übernehmen, die sich politisch positioniert. Diese Aufgabe ist auch, mit einer kritischen Weltsicht zu handeln. Das bedeutet auch, Blasen zu durchstoßen, die eigene Blase immer wieder kritisch zu befragen und trotzdem den Pfad des Humanistischen, des Menschen zugewandten, nicht zu verlassen.

Die „Sterntagebücher“ von Stanislaw Lem, „Die Jakobsbücher“ von Olga Tokarczuk und die deutsch-polnische Koproduktion „Arbeiterinnen / Pracujace kobiety“: Ist Polen 2020 Gastland?

Nein. Polen ist ein wahnsinnig interessantes Theaterland. Außerdem haben sie diese Arbeiten sehr pointiert ausgewählt, die „Sterntagebücher“ kommen vom Schauspielhaus Graz. Die Inszenierung „Die Jakobsbücher“ vom Teatr Powszechny in Warschau ist ein Statement und auch als Statement gemeint. Das ist eines der wenigen Häuser, die es in diesem extremen Sturm schaffen, Widerstand zu leisten.

Die Ruhrfestspiele scheinen ihre künstlerischen Tentakel jetzt öfter auch ins Ruhrgebiet zu lenken – ist das so?

Ich kann mich ja nicht Lügen strafen, wenn ich 15 Jahre hier gearbeitet habe und mich vor allem darüber moniert habe, dass die großen Player die große Qualität der hiesigen Kunst immer ignorieren und das dann selber auch tun. Die hiesige Kunstszene ist extrem lebendig und deswegen hat die auch einen Platz bei den Ruhrfestspielen. Als eine der Säulen. Dazu kommen aber auch die internationalen Arbeiten und die Arbeiten von deutschsprachigen Häusern, die nicht aus dieser Region sind. Dieses Mischgefüge macht für mich Sinn.

„Die Jakobsbücher“ vom Teatr Powszechny, Foto: Magda Hueckel

Und etwas retro: ein irrer Sommernachtstraum in der Version von Hansgünther Heyme beim Lebenskünstler-Festival?

Auch eine Säule: Die Ruhrfestspiele müssen sich auch in der sozialen Realität vor Ort verankern und dazu gehört diese fantastische Arbeit, die in dem Lebenskünstlerprojekt stattfinden kann. Wir machen ein richtiges kleines Festival mit der Lebenshilfe zusammen. Und eine dieser Arbeiten ist inszeniert von einem ehemaligen Intendanten der Ruhrfestspiele, der sich ja immer schon sehr politisch verhalten hat. Kollege Heyme hat da mit großer Leidenschaft diese besondere Gruppe zusammengewürfelt.

Der Neue Zirkus und die relativ neue Sparte Literatur: Hat sich das auch bewährt?

Sehr. Der Neue Zirkus ist die momentan innovativste Kunstform weltweit in den neuen Formen des Performativen. Sie ist erstens sehr innovativ, zweitens eine zeitgenössische Kunstform und drittens sehr breitenwirksam. Sie ist nicht das Experimentelle, das für Eliten da ist, sondern das, was in die Breite wirkt. Das passt auch gut zu den Ruhrfestspielen. Die Literatur hatte immer schon einen Schwerpunkt bei den Ruhrfestspielen, wir haben den nur inhaltlich profiliert und sie enger verknüpft mit dem, was uns thematisch beschäftigt. Mit Saša Stanišić, Christoph Ransmayr und Judith Schalansky haben wir drei herausragende Literaten im Programm, deren literarische Mission es ist, Welt zu erfassen, Welt zu beschreiben und die Diversität von menschlicher Existenz präzise, aber auch breitenwirksam zu beschreiben.

Ruhrfestspiele 2020 | 1.5. – 14.6. | Festspielhaus Recklinghausen | www.ruhrfestspiele.de

Interview:

PETER ORTMANN

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