„Teilhabe von Anfang an“

Kundgebung in Kalk vor dem Elefantentor von Bärbel Lange, Foto: Astrid Piethan

„Teilhabe von Anfang an“

Initiative X-SÜD will ein inklusives Kunsthaus Kalk

choices: Jutta und Jan, im Rahmen das städtebauliches Werkstattverfahrens Hallen Kalk fordert X-SÜD ein inklusives Kunsthaus Kalk. In der Dillenburger Straße 65 gibt es jetzt ein „Elefantentor“ von Bärbel Lange, was hat es damit auf sich?

Jutta Pöstges (X-SÜD): Das Elefantentor ist ein Paste-Up, also aufgeklebt und markiert den neuen Eingang zum Quartierhof Ost und kündigt das Kunsthaus Kalk an. Hier soll ein lebendiges kulturelles Zentrum entstehen mit dem neuen inklusiven Kunsthaus Kalk von X-SÜD. Die Elefantin ist ein Schutztier aus einer Werkreihe von der Künstlerin Bärbel Lange. Sie schafft Schutztiere, weil sie in ihrem Leben erfahren hat, wie es ist, ungeschützt und wehrlos zu sein. Jeder Mensch hat das Bedürfnis nach Geborgenheit. Bärbel Langes Schutztiere sind stark und zärtlich, weil sie diese persönliche Erfahrung der Künstlerin in sich tragen. Die Schutztiere sollen auch das neue Kunsthaus schützen, damit sich alle sicher und geborgen fühlen.

Kann man sich vor Ort schon ein Bild machen?

JP: Aktuell ist auf dem Osthof schon das Bauschild für das neue Kunsthaus Kalk zu sehen, das raumlaborberlin und X-SÜD dort aufgestellt haben. Das Bauschild ist in einem kollektiven Prozess entstanden. Auf detailreichen Zeichnungen werden alle Räume und Funktionsbereiche des neuen Kunsthaus Kalk visualisiert und ein Zeitplan bis zur Eröffnung.

Das Kunsthaus soll auch ein Nachbarschaftshaus werden“

ÜBER DAS PROJEKT
Das mixed-abled Künstler*innen-Kollektiv X-SÜD hat zusammen mit dem Architekten-Kollektiv raumlaborberlin 2017 ein Modell für ein inklusives Kunsthaus entwickelt und 2018 ein Raumprogramm für den Standort Hallen Kalk. Projektleiterin Jutta Pöstges (KUBiST e.V./X-SÜD) ist Künstlerische Leiterin am Kunsthaus Kat18. Artist-in-residence Jan Liesegang ist Architekt und Mitbegründer von raumlaborberlin.

Jan Liesegang (raumlaborberlin): Das Kunsthaus soll auch ein Nachbarschaftshaus werden, in dem gemeinsames Lernen und Verweilen stattfindet. Hierzu ist eine umgenutzte Industriehalle ein interessanter Ort.

JP: Der Siegerentwurf von BeL Sozietät für Architektur für ein gemeinwohlorientiertes Quartier Hallen Kalk erscheint in vielen Aspekten ideal für ein inklusives Kunsthaus und Wohnprojekt in einem inklusiven Sozialraum. Entstehen können zahlreiche Synergieeffekte mit vorhandenen und geplanten Nutzungen und Initiativen auf dem Gelände. Dies sind unter anderem Kulturangebote wie der Kulturhof, inklusive Sport- und Freizeitangebote wie die Abenteuerhallen Kalk und Urban Gardening der Pflanzstelle. Der städtebauliche Entwurf bietet X-SÜD-Künstler*innen mit Beeinträchtigung umfassende Teilhabemöglichkeiten im Quartier und im erweiterten Sozialraum. Dies schafft eine sehr gute Grundlage für Vielfalt und Inklusion und für ein selbstbestimmtes Leben. Inklusion bezieht sich dabei auf alle Lebensbereiche und meint nicht nur die barrierefreie Zugänglichkeit. Teilhabe von Anfang an bedeutet auch eine praktische Mitgestaltung von zukünftigen Arbeits-, Wohn- und Lebensmodellen durch Künstler*innen mit Lernschwierigkeiten in direkter Kooperation mit Architekt*innen und Stadtentwickler*innen. Dies stellt in der örtlichen Teilhabeplanung einen völlig neuen Ansatz dar.

Was für Veränderungen kämen auf die Halle 63 zu und wie steht es mit Außenbereichen? 

Die Halle 63 wird für die neue Nutzung komplett umgebaut werden. Geplant ist eine große öffentliche Eingangszone für Ausstellungen, Diskussionen und ein konsumfreier Bereich zum Verweilen. Eingeplant sind auch Flächen für Ateliers im Gebäuderiegel Dillenburger Straße 65. Die Architektur soll eine neue Ästhetik hervorbringen, die von Künstler*innen „mit“ und „ohne“ Beeinträchtigung gemeinsam entwickelt wird. Im Idealfall wird der Außenbereich einbezogen, mit Sitzmöglichkeiten, kleinen Zonen für Urban Gardening und Skulpturen.

Bauschild für das Kunsthaus Kalk, Foto: Astrid Piethan

Neue Formen des Zusammenarbeitens und Zusammenlebens“

Unter dem Motto „Zukunftsarbeit“ seid ihr am 5. September durch Kalk gezogen. Wie ist der weitere Zeitplan für das Projekt?

JP: Wir wollen eine kleine Reihe „Aus dem Elefantenrüssel“ beginnen, immer am Donnerstag um 17 Uhr. Dann sollen weitere künstlerische Projekte folgen zu den Themen „Bildung“ und „Wohnen“. Für 2021 bereiten wir eine Machbarkeitsstudie vor, in dem unser Verein KUBiST als Projektträger Fragen zu Trägerschaft und Finanzierbarkeit entwickeln wird.

Ist Kunsthaus Kat18 in der Südstadt ein Vorbild?

JP: Das Kunsthaus Kat18 in der Kölner Südstadt ist gewiss ein Vorbild. Allerdings ist es nicht inklusiv, sondern Teil einer Werkstatt für behinderte Menschen. Unsere Idee hat sich aus der eigenen Arbeit dort entwickelt und ist neu, also modellhaft. Über unsere künstlerischen Kooperationen konnten wir erfahren, dass eine Zusammenarbeit „auf Augenhöhe“ zwischen Künstler*innen „mit“ und „ohne“ Beeinträchtigung für beide Seiten bereichernd ist. Besucher*innen vermitteln uns, dass sie die Atmosphäre als wohltuend erleben und die Arbeiten der Kat18 Künstler*innen als unmittelbar und wahrhaftig. Wir haben darüber nachgedacht, wie wir diese Aspekte nutzen können, um neue Formen des Zusammenarbeitens und Zusammenlebens zu entwickeln, in einem inklusiven Kunsthaus und einem inklusiven Wohnprojekt, mitten im Quartier.

Optimistisch, dass unser Konzept überzeugen wird“

Jan, was für spezifische Erfahrungen hat das raumlaborberlin in das Projekt Kunsthaus Kalk eingebracht?

JL: Vom ersten Workshop an haben wir mit den Künstlerinnen vom Kat18 direkt zusammengearbeitet. Es ist ein fortlaufender Lernprozess, der sehr spannend für uns ist. Mit den Künstlern haben wir verschiedene Formen des Zusammenarbeitens entwickelt, dabei wechseln wir immer zwischen Gesprächen und gemeinsamen Zeichnen oder Modellbauen. Es ist immer wieder überraschend, was in diesen Workshops alles entsteht und wie talentiert und produktiv die Künstler*innen des Kat18 sind.

Wenn euer Ansinnen zu wenig Anklang findet, was könnte stattdessen passieren?

JP: Wir denken, dass das neue Quartier Hallen Kalk ideal geeignet ist, da Aspekte des Gemeinwohls und einer inklusiven Quartierentwicklung eine große Schnittmenge bilden. Hier könnte ein Projekt mit Modellcharakter für Köln entstehen, das die Einrichtung von Flächen für Sozial-, inklusive Bildungs- und inklusive Kulturangebote verbindet. Deshalb sind wir optimistisch, dass unser Konzept überzeugen wird. Wir sind aber offen für andere Standorte und werden beide Varianten in einer Machbarkeitsstudie prüfen.

INTERVIEW:

JAN SCHLIECKER

Dieser Artikel erschien auf www.choices.de, lesen Sie weitere Artikel auf www.choices.de/kunst

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