Tabula rasa

Kunstvoll erzählte Alltagsbeobachtungen von Agnès Varda in „Cléo ...“, Foto: Institut français

Tabula rasa

Eine Reihe zu filmischen Manifesten

Alles Neue entwickelt sich aus dem Alten. Mal geschmeidig, mal brüchig. In der Kunst wird häufig der Bruch betont, grenzt sich das Neue demonstrativ vom Alten ab, auch wenn es ohne das natürlich nicht denkbar wäre. Ein künstlerisches Manifest ist eine solch demonstrative Inszenierung, in der es um die Abgrenzung vom Status Quo geht. Die Kunstgeschichte ist voll von lustvollen Manifesten, die alles Andere mit einem absoluten Geltungsanspruch in die Tonne treten wollen. Punk also! In der Bildenden Kunst beginnt die Tradition des Künstlermanifestes Anfang des 20. Jahrhunderts beim Futurismus, in der Filmgeschichte gibt es kurz darauf ähnliche Formen. Das Filmforum im Museum Ludwig widmet sich in der Reihe „Filmgeschichte(n)“ mit dem neuen Programm von April bis Dezember 2020 filmischen Manifesten und zeigt Filme, die die Forderungen einlösen oder auch ersetzen, weil die Filme an sich bereits das Manifest sind. Jeweils begleitet von einer Einführung durch Experten sind ein- bis zweimal pro Monat Klassiker oder Meilensteine der Avantgarde zu sehen, die mit ihrer Erzählweise oder Ästhetik einen Bruch zur Vergangenheit und zum Mainstream erzeugen.

Meist sind es junge Filmemacher, die dem Impuls zur Veränderung folgen. Wie der Theaterregisseur Karlheinz Martin, der 1920 34-jährig sein expressionistisches Spielfilmdebüt „Von morgens bis mitternachts“ komplett im Studio dreht (29.4., 19 Uhr, mit Live-Musik von Tobias Thomas, Kompakt). „Cléo – Mittwoch zwischen 5 und 7“, ein frühes Meisterwerk der Nouvelle Vague von Agnès Varda, etabliert den Alltag und zugleich einen weiblichen Blick in der männerdominierten Neuen Welle (13.5., 19 Uhr). Weniger bekannt ist „Pather Panchali“ von Satyajit Ray. Das Debüt des indischen Regisseurs von 1955 erzählt von einer Familie, die in den 20er Jahren in die Großstadt zieht. In seiner Schrift „What is wrong with Indian Films?“ schreibt Ray 1948, dass das Kino weniger Hochglanz denn Fantasie brauche. Das rohe Filmmaterial sei bereits Leben genug (28.5., 19 Uhr).

In England formiert sich parallel zur Nouvelle Vague das Free Cinema. Karel Reisz‘ „Samstagnacht bis Sonntagmorgen“ erinnert nicht zufällig an Vardas Filmtitel – bzw. umgekehrt. In beiden Filmen geht es um Alltagsbeobachtungen unter ‚kleinen Leuten‘.

Anti-Hollywood ist auch das Debüt „Schatten“ von John Cassavetes aus dem Jahr 1959, ein Vorläufer des New Hollywood, der drei afroamerikanische Geschwister in New York im Alltag zwischen Liebe, Jazz und Rassismus zeigt (13.8., 19 Uhr). Das antikoloniale sogenannte „Dritte Kino“ – ebenfalls Anti-Hollywood – findet mit dem brasilianischen „Cinema Novo“-Regisseur Glauber Rocha Eingang in die Reihe. Sein Film „Gott und der Teufel im Land der Sonne“ von 1964 thematisiert die Ausbeutung in Bildern voller Gewalt und Gegengewalt (9.7., 19 Uhr). Das zweite Halbjahr knüpft mit „Soleil O“ von Med Hondo über einem Migranten im Paris der 60er Jahre dort an, macht u.a. mit einem Kurzfilmprogramm zum Oberhausener Manifest mit Filmen von Alexander Kluge, Edgar Reitz weiter, landet bei Lars von Triers Dogma-Film „Idioten“ und endet mit einem aktuellen Programm mit dem Titel „Und jetzt?“, das fragt, ob es Manifeste überhaupt noch gibt und ob sie noch gebraucht werden.

Filmgeschichte(n): Manifeste | April bis Dezember 2020 | Filmforum im Museum Ludwig | www.filmforumnrw.de

Autor

Christian Meyer-Pröpstl

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