„Stücke, die etwas über unsere Gegenwart zu sagen haben“

Ralf Ebeling, Foto: WLT

„Stücke, die etwas über unsere Gegenwart zu sagen haben“

Ralf Ebeling über das Westwind Theatertreffen NRW für junges Publikum

trailer: Herr Ebeling, das 36. Theatertreffen für junges Publikum pendelt zwischen Panda, Protest und Porno. Ist das eine theatralische Antwort auf die Freitagsgebete fürs Klima?

Ralf Ebeling: Jein. Wir haben ein Motto „Unterwegs bleiben“ und das ist ein relativ offenes Motto. Es ist klar, dass man bei solchen Festivals immer eins haben muss, damit man Dinge darunter zusammenfassen kann. Wir haben ja keine Sachen in Auftrag gegeben, sondern uns 40 Vorstellungen angekuckt und 10 davon ausgewählt. Da sind natürlich sehr verschiedene Themen darunter, aber da ist natürlich auch das Thema Klimawandel drin. Zum Teil sehr vordergründig, sehr prominent und in anderen Stücken als Hintergrund mit dabei. Dieses Festival ist ja auch ein Arbeitstreffen der Theaterschaffenden, dazu gibt es ein Rahmenprogramm und am Festival-Freitag werden wir Luisa Neubauer von Fridays for Future zu einem Podiumsgespräch da haben, aber auch für einen Vortrag von ihr zum Thema Klimawandel. Die Pandas stecken im italienischen Gastspiel „Abbracci“ vom Teatro Telaio.

Zwischen vier und 15 Jahren variieren die Altersangaben der Kinder- und Jugendstücke. Wie bringt man denn Vorschule und Oberstufe in ein Festival?

Das sind ja zehn Aufführungen, die wir zeigen werden und fünf außerhalb des Wettbewerbs. So entsteht zwangsläufig die Bandbreite in den Altersangaben. Das betrifft auch die Patenklassen, die wir finden und schon gefunden haben. Unsere drei Theaterpädagogen und Theaterpädagoginnen haben schon entsprechende Klassen ausgesucht und mit denen Kontakt aufgebaut. Wir weisen das Publikum natürlich darauf hin, ab welcher Altersklasse das jeweilige Stück zu genießen ist.

Zur Person:
Ralf Ebeling
, in Düsseldorf geboren, studierte Theaterwissenschaft, Philosophie und Germanistik an der FU Berlin. Nach zwei Regieassistenzen am Düsseldorfer Schauspielhaus arbeitete er zunächst als Regieassistent am Oldenburgischen Staatstheater, danach als freier Regisseur. Seit 2012 ist er Intendant am Westfälischen Landestheater (WLT) in Castrop-Rauxel. Foto: WLT

Kommen denn auch die Teilnehmer unter zehn Jahren in Kommunikation miteinander?

Ja. Wir werden eine Kinderjury haben und wir werden eine Jugendjury haben. Und in den Patenklassen wird es dann entsprechend Nachgespräche geben. Das Tolle an dem Festival ist wirklich, dass viele der eingeladenen, aber auch einige von anderen Bühnen hierher kommen und zwei, drei oder sogar fünf Tage am Ort bleiben. Die kriegen ein Hotelzimmer bezahlt und das sogenannte Fachpublikum nimmt immer an den Nachgesprächen teil, denn das Festival auch soll den Stand des Kinder- und Jugendtheaters in NRW dokumentieren und zur Diskussion stellen und dazu führen, dass man sich als Fachbesucher informieren kann, was gerade aktuell ist und was vielleicht für neue Theaterformen existieren.

Wie sehr spiegeln denn die Stücke die gegenwärtige Gesellschaft? Momentan geht es wohl viel um Furcht, Selbstfindung, Flucht. Ist das eine neue zeitgenössische Märchenwelt?

Ja, das ist schon so. Es gibt viele Stücke, die mit sehr aktuellen Themen zu tun haben. Es geht tatsächlich um Flucht, Angst, um Sexualität, Klimawandel und Armut. Aber wir zeigen ja auch keine klassischen Weihnachtsmärchen, sondern Stücke, die etwas über unsere Gegenwart zu sagen haben.

Haben sich die Stücke auch in ihrer Struktur verändert?

Unbedingt und da ist Kinder- und Jugendtheater mindestens so weit vorne wie das sogenannte Erwachsenentheater. Es gibt da sowohl die Lecture Performance, Theater der Dinge, Tanzeinflüsse, Bildertheater oder Stücke, die fast ohne Sprache auskommen, über Töne, Geräusche funktionieren, bis hin zu ganz offenen Strukturen. Natürlich bleiben die Stücke, wo einfach eine Geschichte erzählt wird. In der Form ist das Kinder- und Jugendtheater aber genauso weit wie das Theater sonst. Wenn nicht zum Teil sogar ein bisschen weiter, weil man oft Experimente wagt, weil man es sich da noch leisten kann.

Hieronymus nimmt sein Publikum mit in die unbekannte Welt des Jenseits, Foto: Therese Schuleit

Wenn ich die letzten 10, 20 Jahre Revue passieren lasse, werden die Kinder unter 12 Jahren heute wesentlich mehr gefordert?

Das glaube ich schon. Das ist natürlich jetzt eine Vereinfachung, aber vor 20 Jahren gab es fast nur das klassische Weihnachtsmärchen für die 6 bis 10-Jährigen. Wenn man mal was mit Anspruch hatte, war das eher das Jugendtheater. Das hat sich total gemischt und verändert.

Das Rahmenprogramm in diesem Jahr ist aber eher was für Ältere?

Ja, das Rahmenprogramm ist für die Festivalbesucher und wendet sich eher an die Erwachsenen oder an ältere Jugendliche.

Und Theater im Zeichen der Pandemie: Reagieren Sie schon darauf?

Na ja. Wir planen fleißig weiter und wir hoffen natürlich, dass das hinhauen wird. Wir sind optimistisch, aber garantieren können wir das nicht. Aber wir arbeiten mit Hochdruck am Festival und hoffen, dass wir dafür belohnt werden.

Um welches Stück wäre es Ihnen denn dann besonders schade?

Das ist eine schwierige Frage. Das will ich jetzt auch so gar nicht sagen. Es gibt ja auch noch eine Festivaljury. Ich habe eher zwei oder Favoriten, aber das ist ja eh immer eine ganz subjektive Angelegenheit.

36. Theatertreffen Westwind für junges Publikum | 3. – 9.5. | Westfälisches Landestheater Castrop-Rauxel | 02305 97 80 20

Interview:

PETER ORTMANN

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