Splattermovie der Renaissance

„Titus“ Foto: Ingo Solms

Splattermovie der Renaissance

„Titus“ in der Orangerie

Titus feiert den Triumph mit dem Begräbnis seiner Familie. 21 seiner Söhne hat der brutale Feldzug gegen die Goten das Leben gekostet. Für jeden Toten wird dem Militär ein blaues Tuch auf die Arme gelegt. So wollen es die Riten. Der Brauch will aber auch, dass er den Sohn der heftig opponierenden Gotenkönigin Tamora hinrichten lässt und selbst auf die Kaiserwürde zugunsten des intriganten Saturninus verzichtet.

Zwei Fehlentscheidungen, die dann die Gewaltspirale von Shakespeares Splattermovie „Titus Andronicus“ in Gang bringen. Tom Mrosek inszeniert in der Orangerie ein streng durchchoreografiertes Spiel der Macht. Auf einer weiß ausgelegten Spielfläche steht ein mächtiges schwarz-silbernes Radiogerät, das zwischen Theke, Requisite, Bett und Umkleidekabine vielfältig einsetzbar ist. Die sechs Darsteller tragen schwarz. Dorothea Förtsch gibt einen sehr gefassten, emotional gepanzerten Titus, dem die emotional durchglühte, kokettierende Tamora der Lucia Schulz oder der schmierig-machtbesessene Saturninus des Gorgios Markou gute Widerparts sind. Die Regie vermeidet konkrete Hinweise auf aktuellen Terror und Gewaltherrscher und setzt gerade so Assoziationen frei vom italienischen Faschismus bis zum Islamischen Krieg. Kleinste Mittel genügen, um das Geschehen plastisch zu machen: eine Schärpe, ein Becher Blut für jeden Toten. Das macht erfahrbar, was mit der sprichwörtlichen „Eskalationsspirale“ gemeint ist, stellt aber auch die Frage, inwieweit dargestellte Gewalt ästhetisierbar ist, wenn Melissa Moßmeier als Lavinia ihre Verstümmelung in einen Exkurs über die Rollenangebote für junge Schauspielerinnen münden lässt. Ähnlich nervig gerät dann auch der Exkurs übers Blackfacing der dunkelhäutigen Aaron-Figur. Die Fragen und Klagen seien hiermit an good ol‘ Will weitergereicht. Der Abend verschmäht aber auch die Ironie nicht, wenn die Kniefälle mitgezählt werden oder kunstvoll ein Wald aus Origami-Phalli gebaut wird. Letztlich eine gelungene Inszenierung, die erstaunlicherweise an Tim Mroseks inszenatorische Anfänge erinnert.

„Titus“ | R: Tim Mrosek | WA im Oktober | Studiobühne Köln | 0221 470 45 13

Autor

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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