Spiralen der Erinnerung

Gutes Gedächtnis: Der 97-jährige Marshall Allen (4. v. l.) spielte von 1958 bis 1993 mit Sun Ra, seit dessen Tod leitet er als Bandleader dessen Vermächtnis, das Sun Ra Arkestra, Foto: Sibylle Zerr

Spiralen der Erinnerung

Acht Brücken mit dem Thema „Musik, Amnesie, Gedächtnis“

Das Festival macht seinem Untertitel „Musik für Köln“ wieder alle Ehre: An 20 verschiedenen Spielorten in Köln wird dem Publikum das diesjährige Thema „Musik Amnesie Gedächtnis“ präsentiert. Vom 29. bis zum 8. Mai werden im Rahmen von Acht Brücken 54 Konzerte aus den Bereichen Neue Musik, elektronische Musik, Jazz, Weltmusik und vielem mehr zu hören sein, darunter 19 Uhraufführungen. Louwrens Langevoort, Leiter von Acht Brücken und Intendant der Kölner Philharmonie, lädt im Vorwort des diesjährigen Programmheftes dazu ein, „den Pfad der gewohnten Hörerfahrung zu verlassen, die eigene Sinneswahrnehmung zu schärfen und sich für Unbekanntes zu öffnen.“ Ausgangspunkt für die diesjährige Ausgabe des Festivals war die Frage: „Was geht in uns vor, wenn wir mit oder durch Musik erinnern, vergessen oder unser Bewusstsein verändern?“ Spannende Fragen, die direkt eine Menge an Themen aufwerfen. Schon Hildegard Knef sang von Spiralen der Erinnerung. Und so wie wir alle das Phänomen der Madeleine kennen, des süßen Gebäcks, dessen Geschmack Marcel Prousts Protagonist in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ unwillkürlich in eine Kaskade von Erinnerungen stürzt, so geht es uns häufig auch mit Musik, die beim ersten Hören mit einem prägenden Ereignis verbunden ist und dann – wiedergehört – dieses Ereignis abermals abruft. Beim Thema Musik und Bewusstseinsveränderung denkt man hingegen sofort an die psychedelische Musik seit den 60er Jahren – vom Summer of Love bis hin zum Zeitalter des Techno.

Utopie der Selbstermächtigung

Es gibt bei dem Themenspektrum also einiges zu erkunden, und so schlägt sich die reichhaltige Fülle des Themas auch eindrucksvoll im Programm nieder. Aber bevor es richtig losgeht, hat man bei Acht Brücken dankenswerter Weise selber im Gedächtnis gekramt und sich daran erinnert, dass das bereits für das Jahr 2020 geplante Konzert von Manuel Göttsching auch in 2021 verschoben werden musste. Am 11.4. wird er um 20 Uhr nun endlich seinen Meilenstein „E2-E4“ von 1981, minimalistischer Krautrock, der prägend für House und Techno der späten 80er Jahre wurde, live aufführen. Das eigentliche Festival startet dann am 29.4. um 20 Uhr in der Kölner Philharmonie mit dem WDR Sinfonieorchester und Dirigent Cristian Măcelaru. Aufgeführt werden „Stimmen … verstummen …“, eine Sinfonie in zwölf Sätzen für Orchester aus dem Jahr 1986 von Sofia Gubaidulina, und das gerade fertiggestellte „Annunciation Triptych“ für Orchester von Liza Lim als Uraufführung. Am selben Abend schließt der Techno-Act Dopplereffekt, einst eine Hälfte des Detroiter Techno-Duos Drexciya, musikalisch an „E2-E4“ an, erzählt aber im Zeichen des Afrofuturismus von einer Utopie der Selbstermächtigung.

Musik hält jung

Am 30. April erinnert uns das Klangforum Wien an „The Room of Remembrance“ des Minimal-Komponisten Terry Riley (12 Uhr, Stadthalle Köln-Mülheim). Der Kölner Komponist Markus Schmickler präsentiert mit dem Ensemble Ruhr, Kölner Vokalsolisten und dem klavierspielenden Countertenor Daniel Gloger sein aktuelles Werk „Schreber Songs: Don‘t wake up Daddy“, ein Kompositionsauftrag von Acht Brücken. Darin werden die „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ vertont. Es geht hier tatsächlich um den Namensgeber der Schrebergärten. Ganz pragmatisch scheint es bei „Das Gedächtnis – Gebrauchsanweisung“ von Luís Antunes Pena zu werden. Auch dieses Werk ist ein Kompositionsauftrag von Acht Brücken, das vom Trio Ruído Vermelho und dem Ensemble Musikfabrik am 1. Mai um 21.30 in der Kölner Philharmonie uraufgeführt wird. Django Bates erinnert mit „Saluting Sgt. Pepper“ am 6. Mai um 20 Uhr ebenfalls in der Philharmonie an einen Klassiker der Popmusik. Und das Konzert des Sun Ra Arkestra – vielleicht der Urknall des oben erwähnten Afrofuturismus, erinnert nicht nur an einen eindrucksvollen Protagonisten des Jazz, sondern zeigt mit den hochbetagten Musikern, dass das musikalische Gehirn auch noch mit fast 100 Jahren musikalische Höchstleistungen erbringen kann. Musik hält jung!

Zugang zu komplexer Musik

Die Idee des Festivals zeigt sich nicht nur in der Verteilung der Spielstätten im ganzen Stadtraum, sondern auch in einem Versuch, niedrigschwellig Zugang zu mitunter komplexer Musik zu ermöglichen. Dazu zählen auch viele Angebote bei freiem Eintritt, wie zum Beispiel die täglichen Festivalproben um 12 Uhr und das Schultanzprojekt „Erinnerungsspuren“ am 3.5. um 12 Uhr in der Hochschule für Musik und Tanz Köln. Auch die Konzerte des „Freihafens“ am 1. Mai in der Philharmonie und dem WDR Funkhaus können kostenlos besucht werden.

Acht Brücken – Musik für Köln: Musik Amnesie Gedächtnis | 29.4.-8.5. | div. Orte in Köln | 0221 28 02 81

Autor

Christian Meyer-Pröpstl

Dieser Artikel erschien auf www.choices.de, lesen Sie weitere Artikel auf www.choices.de/musik

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