Schönheit und Wahrheit

Joachim Kühn, Foto: Juanjo IBZ

Schönheit und Wahrheit

Joachim Kühn trauert um Bruder Rolf

„Brüder Kühn – zwei Brüder spielen sich frei!“ So lautete der Titel einer sehr gelungenen jazzigen filmischen Biographie (2019) von Stephan Lamby über zwei sehr unterschiedliche Brüder, die beide als Jazzmusiker ganz verschiedene Karrieren absolvierten. Karrieren von internationaler Bedeutung, beide zählen zu den wenigen einflussreichen europäischen und zufällig deutschen Musikern, die als eigene Charaktere in der Weltszene des Jazz wahrgenommen werden. Rolf, der Ältere (Jahrgang 1929), spielte als Hauptinstrument die Klarinette. Joachim, der Jüngere (Jahrgang 1944), hat sich eine ganz eigene Klavierkultur erschaffen. Eigentlich wollten beide in Rolfs Geburtstagmonat an Rhein und Ruhr mit ihren eigenen Projekten gastieren. Jetzt verstarb Mitte August der 92-jährige Rolf Kühn – tatsächlich aus dem aktiven und kreativen Musikerleben gerissen.

Das New Colours-Festival in Gelsenkirchen trägt die Unvergänglichkeit der Marke „Joachim Kühn“ im Titel: Ebenfalls zu Lebzeiten eine Legende, brachte er es in einem Gespräch auf den Punkt. Auf meine Frage nach dem Ziel seiner langen musikalischen Suche sagte Joachim: „Suchen liegt mir nicht so, ich finde lieber.“ Diese positive Grundeinstellung hat den Weltmusiker mit den Giants der Jazzszene zusammengebracht, Jahre mit Ornette Coleman, Pharao Sanders, dem wilden Archie Shepp.

„Ich spiele mit meiner Musik immer meine Wahrheit, da steht nichts anderes dahinter“, so Kühn. „Beauty and Truth“ hieß der Titel einer Einspielung der letzten Jahre. Joachim drückt durch Musik Leben aus, er philosophiert nicht nur in Tönen: „Schönheit ist ein Begriff, der in den letzten Jahren immer mehr verloren geht. Es gibt mehr Kriege als Schönheit. In der Musik soll die Schönheit wieder erscheinen, das heißt nicht Schönklang, das darfst du nicht verwechseln. Aber Schönheit und Wahrheit sind zwei enge Begriffe für mich.“

In Gelsenkirchen tritt der eher kommunikative Virtuose solo auf. Kühn: „Ich spiele ja schon Solo mein Leben lang. Solo ist natürlich das Persönlichste. Und ich kann so richtig abheben.“

Mehr als fünf Jahrzehnte trat er mit Rolf auf, er spiele so gut wie noch nie, sagte er mir über den großen Bruder. Vielleicht bleibt Joachim, der auf Ibiza lebt, noch ein paar Tage in der Heimat und fährt nach Berlin zu Rolfs Familie. Joachims aktueller Tonträger heißt „Touch the light“ – eine Vision für den Bruder?

Joachim Kühn | 10.9. | Schloss Horst, Gelsenkirchen | www.colours-festival.de

Autor

OLAF WEIDEN

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