Ritter im Schaumbad

„Parzival“, Foto: David Baltzer

Ritter im Schaumbad

Stefan Bachmann inszeniert Wolfram von Eschenbachs Versroman „Parzival“ – Auftritt 03/15

Die Deutschen sind ein traditionsbewusstes Volk, vor allem in Sachen Bildung. Die duale Ausbildung, also das Ineinander von Theorie und Praxis, hatten schon die Ritter im Mittelalter zu absolvieren. Das muss der junge Parzival schmerzhaft erfahren, nachdem er kraftmeierisch die hilflose Jeschute vergewaltigt und den martialischen Ither ermordet hat. Für den höfischen Feinschliff sorgt dann der Alt-Dogmatiker Gournemans (Gerrit Jansen), ein grauhaariger Mann in Strickjacke mit Vorliebe für Cooljazz und Rotwein. Näselnd breitet er seinen Codex aus, während der blutgetränkte Parzival im Schaumbad hockt, nur um dieser Weihe der Zivilisierung dann im Frack zu entsteigen. Der zukünftige Gralskönig scheint bereit für das große Gesellschaftsspiel.

Das Geschichtenerzählen hat Stefan Bachmann zu Beginn seiner Intendanz am Kölner Schauspiel als sein Theatercredo bezeichnet. Ob die „Genesis“, Ayn Rands Roman „Der Streik“ oder jetzt das Mittelalterepos „Parzival“, je dicker die Vorlage, desto besser. Viel Seiten, viel Ehr. Wolfram von Eschenbachs Versroman, hier in der Übersetzung von Dieter Kühn gespielt, kommt als mäandernde Doppelhelix daher: Er erzählt die Geschichte von Parzival, der unter großen Mühen zum Artus-Ritter wird, der irrt, zweifelt und am Ende doch zum Gralskönig aufsteigt – und parallel dazu die Eskapaden des 1a-Premium-Ritters Gawan, einem veritablen George Clooney in Rüstung. In Eschenbachs Opus dominiert die Schilderung, und genauso bringen es Bachmann und sein siebenköpfiges Ensemble auf die Bühne: als Erzähltheater. Vor allem zu Beginn fordert das dem imaginativen Resonanzraum im Kopf des Zuschauers alles ab. Da mag Parzivals Vater Gahmuret Amouren und Turniere erleben, was die Schauspieler Stefko Hanushevsky, Melanie Kretschmann und Jörg Ratjen mit Torkeln hier und Umarmung da allenfalls andeuten, bleibt dürrer (Vor-)Bericht. Das ändert sich erst, als sich von dem schwarzen Quader, den Simeon Meier fürs Depot 1 entworfen hat, der Deckel wie bei einer Spieldose hebt und eine mit einem Rost belegte Spielfläche freigibt. Herzeloyde (Melanie Kretschmann) im weißen Kleid zieht ihren Sohn Parzival (Marek Harloff) fern aller Zivilisation groß und kann ihn klammernd doch nicht halten. Fasziniert hockt der halbnackte Junge zwischen den in Anzügen gewandeten Rittern, von denen man nur die Beine sieht.

Bachmann erzählt eine Coming-of-age-Geschichte, in der die Aneignung zivilisatorischer Standards zwar für gesellschaftliches Comme-il-faut, aber nicht für Herzensbildung sorgt. Die Diskretion, die Parzival von Gournemans lernt, erweist sich als fatal. Nicht einmal ein simples „Wie geht’s?“ hat er für den verletzten König Anfortas in der mit Teelichtern erleuchteten Gralsburg übrig. Zivilisiertheit ohne Empathie bleibt eine Totgeburt. Das wirft die fellbewehrte, brüllende Cundrie dann auch Parzival vor. Ihr Auftritt, der mit einer Publikumsbeschimpfung, Protestmarsch („Die Tafelrunde ist zerstört“) und einem Telefonat mit Autor Wolfram garniert ist, wirkt wie ein Befreiungsakt aus dem rigiden Korsett des Erzähltheaters, der ästhetisch allerdings eher wie eine Pflichtszene theatraler Selbstreferentialität daherkommt.

Überzeugend ist der Abend immer dann, wenn Bachmann die Balance zwischen erzählerischer Distanz und sinnlicher Vergegenwärtigung findet, ohne die ästhetische Form zu verlassen – was nicht immer gelingt. Worauf die Inszenierung hinaus will, bleibt trotzdem fraglich. Marek Harloff als Parzival mag die naive Seite der Figur genau treffen. Die irrende Suche, die Verzweiflung, das Leiden an der eigenen Persönlichkeit bleibt er weitgehend schuldig. Und sein Kontrastbild Gawan (Niklaus Benda) nimmt sowieso nur in einer Szene mit einem fliegenden Bett Gestalt an: als Ritter der trostlosen Matrazengestalt. Parzivals irrende Selbstsuche endet in Zaghaftigkeit; keine Menschwerdung aus Irrtum und Zweifel, keine therapeutische Selbstbehauptung, eher ein unterspieltes Happy End, bei dem Parzival seinem muslimischen Halbbruder Fairefis begegnet und zum König gekrönt wird.

Autor

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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