Rache für den Gedankenstrich

Da kömmt der Bösewicht aus dem Pupillenloch, mehr Dimensionstor als Festungstür, Foto: Birgit Hupfeld

Rache für den Gedankenstrich

„Marquise von O…“ in der Essener Casa

Es dröhnt beim Eintritt. Milchige Plastikvorhänge versperren den Blick in der Essener Theater-Casa. Es atmet sich schwer unter der Mundnasenbedeckung und doch, irgendwas geht da schon vor. Julietta, Heinrich von Kleists Marquise von O…, tritt vor und deklamiert – wie immer – ihre Zeitungsannonce, mit der sie den unbekannten Vater ihres ungeborenen Kindes sucht, schließlich sei sie eine Dame von vortrefflichem Ruf und so weiter. Die ollen Duschvorhänge werden heruntergerissen – es öffnet sich ein weißes Vergewaltiger-Laboratorium voller assoziierter Filmfiguren, die nun die Handlung spielen müssen.

Vom Notre-Dame-Glöckner bis C-3PO

Ein Haufen Psychos aus diversen Hollywood-Blockbustern quer durch die Jahrhunderte versucht eine Alte Ordnung aufrecht zu halten, die eine Schwangerschaft per Bindestrich nicht dulden will. Mittendrin wie Alice im schaumigen Wunderland die Marquise Julietta, verzweifelt, gedemütigt, oft anrührend leise, Silvia Weiskopf muss nicht nur gegen diese geifernde Meute antreten, sie wird auch die Dramaturgie des Stücks wunderbar zusammenhalten, denn Regisseur Christopher Fromm quetscht den Kleist durch einen interstellaren Fleischwolf. Herausgekommen ist eine Badeorgie-Szenerie weit weit entfernt, Baum, Brunnen nur Staffage, die riesige Pupille im Hintergrund mehr Dimensionstor als Festungstür, Ortswechsel passieren nur im Kopf, einige „romantische“ Handlungsstränge wurden (zu Recht) verworfen, diese Vergewaltigungs-Novelle muss im postmodernen Denken – selbst MeToo ist heute nur Symptom für ein immer noch falsches Geschlechterbild – eben neu verhandelt werden.

Zwischen Hell und Dunkel und Licht und Schatten

Leicht macht Fromm es seinem konzentriert agierenden Ensemble nicht. Durch den flächendeckenden Schaum ist der Boden rutschig (Bühne: Friederike Külpmann), die Männer (Stefan Migge sogar mit Scheuklappen) müssen sich mit absurden Kostümfindungen (Franziska Schweiger) immer wieder durch das enge Pupillen-Sternentor quetschen, der Obristin (Sabine Osthoff) im Kunstlederkostüm dürfte es schnell in Schultern und Waden zwicken, dennoch verliert die Inszenierung, die eigentlich eine Dauerperformance zwischen Hell und Dunkel und Licht und Schatten ist, nie an Drive und Schärfe. Alle Figuren außer Julietta scheinen auch irgendwie fremdgesteuert zu sein, sind sich ihrer Bewegungen und Handlungen nie sicher. Ab und an lässt die Marquise sogar nachdenklich die Zeit stillstehen, wenn es zu übel wird, sich die Sätze verselbstständigen. Sie will nicht wie eine Festung erobert werden, das wird schnell klar. Doch noch sitzen ihr Kleist im Nacken und der Vater (Jürgen Hartmann) auch.Alle Beobachter der Ungeheuerlichkeiten wissen längst, dass sich der Graf F. (Philipp Noack), als er sich im Kampf tödlich verwundet glaubt: „Julietta! Diese Kugel rächt dich“, ruft und damit die Ursache des Gedankenstrichs verraten hat.Dieser Ausruf wird hier zum Subtext der interessanten Inszenierung in Corona-Zeiten, die nicht so schnell vergessen sein wird, denn Fromm liefert am Ende – auch für den Abistoff – eine tolle alternative Wahrheit. Aber wir wollen ja nicht spoilern!

Marquise von O… | R: Christopher Fromm | 10. – 14.11., 15. – 17., 19.12. je 19 Uhr | Theater Essen | 0201 812 22 00

Autor

PETER ORTMANN

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