Problemzone Frauenkörper

Der Körper als Problem, Foto: Thomas Morsch

Problemzone Frauenkörper

Frauen können selbst entscheiden, was sie anziehen – ob Bikini oder Burkini – engels-THEMA 10/16 FRAUENRECHT

Es ist nicht so einfach mit der Kleidung. Vermutlich gibt es kaum eine Sache, über die sich ein Mensch in seinem Leben mehr Gedanken macht. Was soll ich anziehen? Was muss ich anziehen? Was hätte jemand anderes besser oder besser nicht angezogen? In Sekundenschnelle entscheidet unser Hirn, wer uns sympathisch ist oder nicht. Wer frei davon ist, diese Fragen zu beurteilen, dem sei die Ruhe gegönnt. Sich nicht über Klamotten Gedanken machen zu müssen, bedeutet pure Freiheit. Das ist allerdings nicht so einfach, denn der Spruch „Wie du kommst gegangen, so wirst du empfangen“ ist auch nach Jahrtausenden der menschlichen Körperverhüllung noch aktuell. Die Gesellschaft, in der man sich bewegt, drückt einen Stempel auf. Gruppen und Szenen üben harte Kriterien der Zugehörigkeit und des Ausschlusses. Uniformen sollen Seriosität und Wiedererkennung suggerieren.

Und mittendrin die Frau. An ihr wird gezerrt und gezogen, dass sich die Balken biegen. Wird zu viel Haut gezeigt, ist das Sünde. Werden die Haare verhüllt, ist das Unterwerfung. Jüngstes Beispiel ist die Diskussion um Burka, Burkini, Niqab und wie die Tücher muslimischer Frauen alle heißen. Recht machen kann man es als Dame schon lange niemandem mehr. Die Autorin Mely Kiyak hat in der ZEIT zwei kluge Sätze gesagt. „Wer Kopftuch und Burka verbieten will, tut so, als befreie er damit die muslimische Frau. Vielleicht könnte man die muslimische Frau einfach mal fragen, was sie will?“ Ja, bitte – jede soll tun was sie will! Übrigens sollte gerade der Burkini einen Beitrag zur Integration der Frauen in die (westliche) Gesellschaft leisten. „Als ich den Burkini 2014 erfand, tat ich das, um Frauen Freiheit zu schenken. Frauen, die entscheiden, einen Burkini zu tragen, sollten genau so sein wie die, die entscheiden, einen Bikini zu tragen. Es sollte für Entscheidungsfreiheit stehen“, sagte die australische Modedesignerin Aheda Zanetti dem Magazin bento Mitte August.

Niemand sollte ein Kleidungsstück anziehen müssen, wenn er oder sie es nicht will. Und niemand sollte etwas ausziehen müssen, wenn er oder sie es nicht will. Das gilt im Übrigen nicht nur für den Islam. Wenn das Tragen von Turban, Pilgerhut, Kippa nicht aus eigenem Antrieb geschieht, ist das Unterdrückung. „Verhüllung drückt in der Tat etwas aus – ein Problem mit dem weiblichen Körper nämlich, der entweder zu verführerisch ist oder generell unrein; auf jeden Fall macht man ihn am besten unsichtbar. Das widerspricht so ziemlich allem, was sich die Frauen in den westlichen Ländern in den vergangenen hundert Jahren erkämpft haben. Auch hier waren eine ungebändigte Mähne, nicht hochgesteckt, oder nackte Knie einmal ein Skandal“, schreibt die Journalistin Susan Vahabzadeh. Ein Unterschied dazu besteht im Hausrecht: Darf eine Kirche nur verschleiert betreten werden, oder eine Moschee nur ohne Schuhe, so kann sich immerhin jeder noch selbst überlegen, ob er das mitmacht oder nicht.

Neben dem Zwang steht noch ein weiterer wichtiger Faktor: Die Teilnahme an der Gesellschaft geschieht über Kenntlichkeit. Gestik und Mimik beim Gegenüber erkennen zu können sind Eckpfeiler menschlicher Kommunikation. Wer die Freiheit einer Gesellschaft genießen möchte, der sollte ihr die Freiheit geben, eigene Gefühle einschätzen zu können. Der sollte sich öffnen, um Offenheit zu erfahren. Natürlich ist das die Frage nach dem Huhn und dem Ei, und es ist von beiden Seiten Disziplin gefragt.

Der Schleier gehört übrigens auch zum Christentum. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen, was Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther laut der Bibel schreibt: „Jeder Mann, der betet oder weissagt, indem er etwas auf dem Haupte hat, entehrt sein Haupt. Jedes Weib aber, das betet oder weissagt mit unbedecktem Haupte, entehrt ihr Haupt; denn es ist ein und dasselbe, wie wenn sie geschoren wäre. Denn wenn ein Weib nicht bedeckt ist, so werde ihr auch das Haar abgeschnitten; wenn es aber für ein Weib schändlich ist, dass ihr das Haar abgeschnitten oder sie geschoren werde, so laß sie sich bedecken. Denn der Mann freilich soll nicht das Haupt bedecken, da er Gottes Bild und Herrlichkeit ist; das Weib aber ist des Mannes Herrlichkeit. Denn der Mann ist nicht vom Weibe, sondern das Weib vom Manne; denn der Mann wurde auch nicht um des Weibes willen geschaffen, sondern das Weib um des Mannes willen.“

Der Mann ist von Gott, die Frau ist vom Mann? Wer sich auf die Bibel beruft, soll mal diese Textstelle einer aufgeklärten Frau erklären. Viel Glück. Und wer jetzt schade findet, dass das nicht mehr so einfach geht: Überprüfen Sie Ihr Weltbild. Frauen können selber denken, wenn sie vor dem Wäscheschrank stehen.

Autor

FLORIAN SCHMITZ

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