Premierenfieber in der Provinz

„Excalibur“, Foto: Freilichtspiele Tecklenburg

Premierenfieber in der Provinz

Die Open-Air Musical-Saison ist voller Überraschungen

„Wir spiel’n  in Venedig, dann Gastspiel Verona, von da nach Cremona…“, heißt es in Cole Porters „Kiss Me Kate“. Warum also nicht den Sommer nutzen und zu den Open-Air-Aufführungen in der „Provinz“ reisen, die sich bei näherem Hinsehen als wahre Fundgrube für den Musical-Fan erweisen. In Tecklenburg inszeniert Ulrich Wiggers, der seit Jahren am kleinen Aachener Grenzlandtheater mit innovativ „eingedampften“ Broadway-Shows für Furore sorgt – endlich einmal mit viel Platz,
gleich zwei Musicals. Als deutsche Erstaufführung „Artus – Excalibur“ des Erfolgskomponisten Frank Wildhorn (u.a. „Jekyll & Hyde“), das in bildgewaltigen Tableaus, raumgreifenden Kampf- und Tanz-Choreographien und gefühlvollen Balladen die Artus-Sage um sein geheimnisvolles Schwert Excalibur und die legendären Ritter der Tafelrunde aufgreift. Dazu noch die Musical-Version des Kultfilms „Saturday Night Fever“, der damals die Disco-Welle auslöste und John Travolta zum Star machte: ein vibrierendes Lebensbild der Jugend im Brooklyn der 70er Jahre mit der Musik der Bee Gees.

Nur einen Steinwurf weiter macht die Waldbühne des Klosters Oesede in Georgsmarienhütte ihrem Ruf wieder alle Ehre, hierzulande selten oder nie gespielte Musicals „auszugraben“. Diesmal fiel die Wahl auf Stephen Flahertys „Ein Mann ohne Bedeutung“, der mittlerweile mit „Rocky“ einen Welt-Erfolg landete. Auch „Ein Mann ohne Bedeutung“ geht auf einen gleichnamigen Film zurück und erzählt eine intime Geschichte über Sehnsucht, Freundschaft und die Liebe zum Theater als Ort der großen Gefühle. Die Musik unterstützt die Selbstfindung des Protagonisten durch sanfte Songs und Duette, die sich an die Musik Irlands anlehnen, ohne die irische Folklore zu imitieren. Eine wirkliche Entdeckung!

Dem Kammerspielton im Kloster Oesede folgt bei einem Blick über die NRW-Landesgrenze auf der emsländischen Freilichtbühne in Meppen der satte Sound eines Broadway-Klassikers: In „42nd Street“ (Musik: Harry Warren) darf getanzt und gesteppt werden, was die Sohlen hergeben. Iris Limbarth, die am Wiesbadener Staatstheater DIE deutsche Musical-Talentschmiede leitet, hat auch hier wieder das durch einige Profis verstärkte, engagierte Laien-Ensemble zu Höchstleistungen angetrieben, die so manchem Profi-Theater die Schamesröte ins Gesicht steigen lassen. So entwickelt sich die altbekannte Geschichte vom Aufstieg eines Broadway-Chorusgirls, die für die erkrankte Hauptdarstellerin einspringt und zum Star wird, zu einem ins Herz und in die Füße gehenden Wohlfühl-Abend.

Auch die Freilichtbühne im hochsauerländischen Hallenberg bietet ein Musical-Schmankerl: Die Welturaufführung von Paul Graham Browns (Musik) und Birgit Simmlers (Buch) „Maria Magdalena“ erzählt – nicht nur musikalisch aufwühlend – aus der Perspektive einer der umstrittensten Bibel-Gestalten ihren Weg voller Fragen nach dem Sinn des Lebens. Kein Family-Entertainment aber ein Muss für jeden „erwachsenen“ Musical-Fan!

Infos und Tickets:
https://www.freilichtspiele-tecklenburg.de
https://www.waldbuehne-kloster-oesede.com
https://www.freilichtbuehne-meppen.de
https://www.freilichtbuehne-hallenberg.de

Rolf-Ruediger Hamacher

Dieser Artikel erschien auf www.trailer-ruhr.de, lesen Sie weitere Artikel auf www.trailer-ruhr.de/kultur-in-nrw

0