Plädoyer für mehr Diversität auf der Bühne

Nikos Konstantakis und Mareike Theile, Foto: Saskia Clemens(li)/Foto: privat(re)

Plädoyer für mehr Diversität auf der Bühne

„Kaspar from Abroad“ im Orangerie Theater

Tatort: Ein deutsches Stadttheater. Tatzeit: 2017. Ein junger Schauspieler griechischer Abstammung probt wochenlang einen Monolog. Sein Akzent ist unverkennbar, doch der Regisseur hat ihm die Rolle bewusst übertragen. Nach der Hauptprobe allerdings besteht das Theater auf einer Umbesetzung wegen mangelnder deutscher Sprachbeherrschung. Widerfahren ist dies dem Kölner Schauspieler Nikos Konstantakis, der seit 2011 in Deutschland lebt. „Aufgrund meines Akzents ist es für mich sehr schwierig, eine Position im deutschen Theatersystem zu finden, weil ich bei Auditions oder Castings sofort aussortiert werde.“

Jetzt hat er mit „Kaspar from Abroad“ ein Stück über das deutsche Theater und seinen sprachlichen Reinheitsfanatismus gemacht. „Das deutsche Theater“, sagt Dramaturgin Mareike Theile, „lässt eine Diversität und sprachliche Pluralität auf der Bühne gar nicht zu.“ Zwar gebe es im freien Theater und bei internationalen Produktionen sogar Möglichkeiten der Mehrsprachigkeit, doch das Stadttheater nutze die Sprache gerne und oft als Ausschlusskriterium.

Grundlage von „Kaspar from Abroad“ ist Peter Handkes Stück „Kaspar“, das anhand der historischen Figur Kaspar Hauser Spracherwerb als gesellschaftliche Disziplinierung und Zurichtung vorführt. „Wir sehen Kaspar“, so Mareike Theile, „als etwas Fremdartiges, das nicht dazugehört. Spracherwerb ist weniger ein Mittel der Disziplinierung, sondern der Angleichung.“ Konstantakis hat sich bereits im vergangenen Jahr einen dreißigseitigen Monolog auf Deutsch zugemutet: „Das war für mich auch eine Herausforderung und eine Sprachfolter, weil ich mich gezwungen habe, wirklich alles richtig auszusprechen.“

Mit „Kaspar“ reflektiert er diese Erfahrung und reichert sie mit Erlebnissen von Kollegen an. Das Produktionsteam hat eine Umfrage unter Nicht-Muttersprachlern auf deutschen Bühnen gemacht, die vielfältige Diskriminierungen ans Licht brachten. „Es gibt viele Kaspars, die diese Form der Fremdheitserfahrung gemacht haben und die gehört werden müssen.“ „Kaspar from Abroad“ beschreibt somit nicht nur eine persönliche Erfahrung, sondern ist zugleich Kritik am Theatersystem – und formuliert den Wunsch nach einer Alltäglichkeit des Internationalen auf deutschen Bühnen.

Kaspar from Abroad | R: Nikos Konstantakis, Andrea Bleikamp | 23. – 26.9. | Orangerie Köln | 0221 952 27 08

Autor

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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