Pingpong im Dialog

Dorothy Iannone & Juliette Blightman: The Köln Concert, 2020. Installationsansicht Kölnischer Kunstverein, 2020, © Künstlerinnen, Foto: Mareike Tocha

Pingpong im Dialog

Dorothy Iannone und Juliette Blightman im Kunstverein

Auch wenn der Besuch der Ausstellung – aus welchen Gründen auch immer – nicht möglich sein sollte: Durch die Fenster an der Hahnenstraße sind nicht nur die Werke beider Künstlerinnen zu sehen, sondern der Betrachter erhält auch eine Ahnung von der Leichtigkeit und dem Rhythmus, mit dem der Raum aktiviert ist. Und er erfährt, mit welcher Offenherzigkeit und dabei Selbstverständlichkeit Privates und Intimes nach außen gekehrt und Fragen des Feminismus erörtert sind: als Teil des Alltags.

Beim Pressegespräch im Kunstverein berichtete Juliette Blightman, wie sie vor einigen Jahren anlässlich ihrer Einzelausstellung in der Kunsthalle Bern erfahren hat, dass dort auch 1969 Dorothy Iannone – im Rahmen der „Ausstellung der Freunde“ – vertreten war, aber von einigen männlichen Künstlerkollegen zensiert wurde: Den Vorwurf der Pornografie musste Iannone, die heute 87-jährige, in Berlin ansässige Künstlerin oft in ihrer Karriere hören. Ärger gab es 1969 auch bei der Nachfolgestation in der Kunsthalle in Düsseldorf, wo Dorothy Iannone zu dieser Zeit gemeinsam mit Dieter Roth lebte. Die Ausstellung nun in Köln ist also auch eine künstlerische Rückkehr ins Rheinland, aber unter aufgeklärter Perspektive in einer offeneren Gesellschaft auf dem Weg zur Gleichberechtigung.

Zwischen Jugendstil und Pop Art

Tatsächlich zeigt sich nun, wie humorvoll und voller Freude die damals ausgestellten Tarot-Karten sind, die Iannone und Roth in Cartoons beim Geschlechtsverkehr zeigen und im übrigen das häusliche Umfeld einbeziehen. Sie besitzen die malerische Verspieltheit aus Mustern und Prunk zwischen Jugendstil und Pop Art, die das ganze Werk der aus Boston stammenden Künstlerin kennzeichnen. Die viel jüngere Blightman (*1980) erweist sich als wunderbare Teamplayerin, die mit einer filmischen Collage und einem Tableau mit Zeichnungen auf die Systematik der Tarot-Karten reagiert und ihren Arbeits- und Lebensalltag daheim in Farnham/England schildert: als etwas Offenes, nichts Abgeschlossenes.

Die Ausstellung setzt sich in den Raum fort. Iannones „Freiheitsstatuen“, die betonen, dass sie Frauen sind, treten als Wandmalereien sowie skulpturale Cut-Outs auf. Sie entstammen einem Projekt in New York 2014, bei dem sie als riesige Schablonen an Gebäudefassaden aufgebracht waren: Dort wie nun in den kleineren, aber immer noch großen Versionen tropft aus dem Auge eine Träne. Daneben stehen Blightmans Planschbecken mit Ensembles sich reckender Phalli, die bei Sonnenlicht mittels Reflektoren zu sprudeln beginnen, während Iannones Gesang zu hören und an der hinteren Stirnwand das Gedicht „The New Colossus“ der Dichterin Emma Lazarus an der Plakette der Freiheitsstatue zu lesen ist. Zu dieser zauberhaften Vielstimmigkeit passt Blightmans luftige Malerei einer „Pussy Flower“ mit Acryl auf Leinwand, die rückseitig von gefüllten Bierkästen gehalten wird. Der zarten, sich öffnenden Form einer Vagina ist der Männerkult der Junggesellenabschiede und Ballermann-Partys entgegengesetzt. Kurzum, von niemandem wird das Werk der schon legendären Dorothy Iannone für die Jetzt-Zeit fröhlicher, poetischer und tiefgründiger weitergesponnen als von Juliette Blightman.

The Köln Concert – Dorothy Iannone & Juliette Blightman | bis 31.1. | Kölnischer Kunstverein | 21 70 21

Autor

Thomas Hirsch

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