„Ohnmacht hat mein ganzes Leben geprägt“

Ohnmacht und Misstrauen prägen ein ganzes Leben, Foto: New Africa / Fotolia

„Ohnmacht hat mein ganzes Leben geprägt“

Jürgen S. über die Aufarbeitung seines Missbrauchs durch einen Geistlichen

choices: Herr S., Ihre Erinnerung an den Vorfall in Ihrer Zeit als Ministrant im Kloster Birnau war lange Zeit in Ihrem Bewusstsein verschüttet. Unter welchen Umständen haben Sie sich wieder erinnert?
Jürgen S.: Im Rahmen eines stationären Klinikaufenthalts kamen mir 2006 bei tiefenpsychologischen Sitzungen Sätze und Bilder in den Sinn. Zum Beispiel sah ich mich im Altarraum der vollbesetzten Birnau stehen, neben dem Pater, alle Blicke auf mich gerichtet. Dass man etwas verdrängen kann, war mir bewusst, aber es so komplett auszublenden, hätte ich nicht für möglich gehalten. An eineinhalb Jahre meiner Kindheit hatte ich keinerlei Erinnerung mehr, auch nicht an Familienereignisse, Schule oder schöne Dinge. Jetzt aber kamen immer mehr Bilder und Erinnerungen hoch. Deshalb fing ich an zu recherchieren, nach Namen, Daten, Orten.

Auf welche Reaktionen sind Sie in Ihrem privaten und beruflichen Umfeld gestoßen?
Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Von tiefer Bestürzung bis hin zu Unverständnis.
Besonders schlimm für mich war, dass ich oft  das Gefühl bekam, ein „Störenfried“ zu sein, der eine „heile Welt“ zerstört. Aber für mich war es eben nur noch eine „scheinheilige Welt“. Viele wollten die Realität einfach nicht wahrhaben. Ich bekam zu verstehen „Ein Priester macht so etwas nicht – wer so etwas behauptet, begeht Blasphemie“ oder „Jetzt hast du 40 Jahre geschwiegen, hättest doch die nächsten 40 Jahre deine Gosch halten können“. Dass Betroffene stigmatisiert werden, habe ich auch von anderen Betroffenen gehört.

Inwieweit hat Ihr Erlebnis Einfluss auf Ihren Lebensweg gehabt?
Die Themen Ohnmacht und Misstrauen haben mich und mein ganzes Leben geprägt. Ich denke heute, dass ich diese Ohnmacht nie mehr erleben wollte und deshalb auch den Beruf des Polizeibeamten gewählt habe. Dass ich dort auch einer Ohnmacht ausgesetzt war, wenn auch einer ganz anderen, führte zu Konflikten mit meinen Vorgesetzten. Mein Chef  bezeichnete es einmal als „übersteigerten Gerechtigkeitswahn“. Rückblickend hatte mein gesamter Lebensweg – von der Schutzpolizei zur Kriminalpolizei über Wirtschaftskriminalität zur Computer- und Internetkriminalität bis hin zu Kinderpornografie – tatsächlich nur ein Ziel, nämlich dass ich mich mit dem Thema Kindesmissbrauch und mit meiner eigenen Geschichte befasste.

Wie haben Sie entschieden, sich um  juristische Aufklärung zu bemühen?
Es war für mich nie eine Frage, dass ich es melde. Anfänglich war ich so blauäugig und dachte, mit meiner Meldung beim Bistum Freiburg im Dezember 2006 würden die Verantwortlichen der Kirche schon alles unternehmen. Aufgrund persönlicher Probleme hatte ich in den Folgejahren andere Schwerpunkte und verlor das Thema aus den Augen. Bis ich dann 2010 im Fernsehen die Berichte über die Missbräuche im Kanisius-Institut sah. Da wollte ich vom Bistum wissen, was aus meiner Meldung geworden war.

Welche Erfahrungen haben Sie mit den Vertretern der Kirche gemacht?
Nachdem ich die Übergriffe 2006 den kirchlichen Stellen in Freiburg und Mehrerau gemeldet hatte, erhielt ich, auf Nachfrage, 2010 von Freiburg die Auskunft, dass dort angeblich nichts bekannt war. Weder diese beiden Stellen,noch der neue Missbrauchsbeauftragte Bischof Stephan Ackermann sahen sich veranlasst, etwas zu unternehmen. Das hat mich wütend gemacht und ich fing an, wieder zu recherchieren. Dabei musste ich feststellen, dass der Täter nach wie vor als Priester tätig war und mit Kindern Umgang hatte – damals in Schübelbach in der Schweiz. Ich erfuhr von weiteren Betroffenen, an denen er übergriffig geworden war. Ich forderte die zuständigen Stellen auf, sofort den Umgang dieses Mannes mit Kindern zu unterbinden. Geschehen ist nichts. Deswegen sah ich mich gezwungen, dem Täter zu drohen, dass ich künftig jeden Sonntag mit einem Schild mit dem Slogan „Hier zelebriert ein Kinderschänder“ vor seiner Kirche stehen würde, wenn er nicht sofort von sich aus seinen Rücktritt erklärte. Als ich trotz Einschüchterungsversuchen der Kirchengemeinde Schübelbach darauf beharrte, ist der Täter von einem Tag auf den anderen untergetaucht und wurde von Amts wegen nach unbekannt abgemeldet. Da die an mir begangenen Taten verjährt waren, wollte ich, dass der Täter zumindest kirchenrechtlich zur Verantwortung gezogen wird. Den heutigen Freiburger Erzbischof Stephan Burger, damals Offizial, der sich heute so als Saubermann der Nation geriert, empfand ich aber als kalt, abweisend und sogar einschüchternd, da er versuchte, mich von einer Kirchenklage abzubringen. Bis heute weigert sich die Diözese Freiburg, selbst Kirchenklagen gegen die Täter und Vertuscher einzureichen. Ein höhergestellter Kirchenvertreter half mir, eine Klage bei den verschiedenen Kongregationen im Vatikan einzureichen. Aber von dieser Klage habe ich trotz regelmäßiger Nachfragen nichts mehr gehört. Erst im Dezember 2018 erfuhr ich, dass ein bei der Glaubenskongregation laufendes Verfahren gegen den Täter, nach dessen Tod im Mai 2017 eingestellt worden sei.

Seit einigen Jahren wird das Ausmaß der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche deutlich. Wie haben Sie diesen Prozess bisher erlebt?
Nach meinen Erfahrungen halte ich es durchaus für wahrscheinlich, dass auch bisher nur die Spitze des Eisbergs bekannt wurde. Die Professionalität und Unverschämtheit des Vertuschens und Leugnens empfinde ich als abscheulich und ekelhaft.

Wie schätzen Sie die Bemühungen der Kirche um Aufarbeitung ein?
Ich bestreite, dass die Kirche sich als Ganzes wirklich um Aufklärung bemüht. Sie bemüht sich meiner Beobachtung nach allenfalls um Schadensbegrenzung. Bei der Mehrheit der Kirchenvertreter stehen leider die Kirche selbst und die Täter immer noch im Vordergrund – nicht die Tat oder die Betroffenen. Ganz vereinzelt habe ich wirkliches Aufklärungsverhalten erlebt. Das Bistum Basel zum Beispiel hat sich mir gegenüber fair verhalten. Ich habe aber längst die Hoffnung aufgegeben, dass sich die wenigen wirklich reformorientierten Personen in der Kirche gegen die übermächtigen konservativen Kräfte werden durchsetzten können.

Welche Erwartungen haben Sie selbst an die Kirche?
Meine bisherigen Erwartungen wurden alle enttäuscht deshalb habe ich es aufgegeben, etwas zu erwarten und schaue zu, wie sich die Kirche selbst zugrunde richtet.

Inwieweit haben Ihre Erfahrungen Einfluss auf Ihren eigenen Glauben gehabt?
Ich bin in einer streng katholischen Familie aufgewachsen. Auch ich war tief religiös. Aber als mir bewusst wurde, dass ich als Kind durch einen Priester missbraucht worden bin, wurde mir der eklatante Widerspruch zwischen den von der Kanzel gepredigten Worten und der gelebten Wirklichkeit klar.

Empfinden Sie diese Entfremdung vom Glauben als Verlust?
Wahrscheinlich wohnt jedem Menschen eine natürliche Sehnsucht nach Spiritualität inne. Mit dem Bruch mit der Kirche und dem Verlust des Glaubens brach eine meiner lebensprägenden Säulen zusammen. Man will ja „dazu gehören“ und nicht der Ausgestoßene, Abtrünnige sein. Das ist schmerzhaft. Meinen Glauben habe ich im wahrsten Sinne des Wortes verloren, heute empfinde ich das aber eher als Befreiung – nicht mehr glauben zu müssen und keiner Kirche anzugehören, vor allem nicht der katholischen.

Können Sie sich vorstellen, sich mit der Kirche oder dem Glauben wieder zu versöhnen? Was müsste dafür geschehen?
Allein schon diese gebetsmühlenartigen „Vergebungs- und Verzeihungsfloskeln“ widern mich an. Ich will „denen“ weder verzeihen noch mit ihnen oder deren Kirche versöhnen. Wenn ich an etwas glaube, dann höchstens an die Natur und die Kraft der Natur. In ihrem Wachstum und ihrer Vernichtung.

Zur Person:
Jürgen S., 62, war Kriminalhauptkommissar bei der Polizei. Als neunjähriger Ministrant im Kloster Birnau am Bodensee wurde er erstmals von einem Pater missbraucht. Die Übergriffe dauerten über zwei Jahre. Seit 2010 bemüht er sich um juristische Aufarbeitung.

INTERVIEW:

CHRISTOPHER DRÖGE

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