„Null-Linie für Pestizide bei Bio-Produkten nicht steuerbar“

Endliche Weiten, Foto: Benny Trapp

„Null-Linie für Pestizide bei Bio-Produkten nicht steuerbar“

Gerald Wehde von Bioland e.V. über Herausforderungen des Biolandbaus –
Thema 10/15 Vogelfrei

trailer: Welche Themen und Fragen haben in Ihrem Alltag im Verband zurzeit Priorität? Wo drückt der Schuh am meisten?
Gerald Wehde: Die Biobauern klagen über unbefriedigende Wachstumsmöglichkeiten. Die Verbraucher wollen mehr heimische Bio-Produkte, aber im Wettbewerb um Agrarfläche ziehen Biobetriebe meist den Kürzeren. Es handelt sich in den meisten Fällen um Pachtland und unsere Biobauern können zwischen 350 und 500 Euro pro Hektar Ackerland bezahlen, während ein Bauer, der Intensiv-Landwirtschaft betreibt, über 1.000 Euro pro Hektar aufbringen kann. Und so verliert die Bio-Landwirtschaft häufig dann Fläche, wenn Pachtverträge neu verhandelt werden. In der Konsequenz heißt das auch, dass immer mehr Bioprodukte importiert werden müssen.

Gerald Wehde ist diplomierter Agraringenieur, lebt in Frankfurt und arbeitet als Leiter Agrarpolitik und Kommunikation beim Bioland e.V. in Mainz.

Wie wäre denn diese Entwicklung zu stoppen?
Die politischen Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft müssen dringend verändert werden und die ökologischen Leistungen der Biobauern besser honoriert werden. Gleichzeitig müssen konventionelle Landwirte für Umweltschäden, die sie verursachen, in Verantwortung genommen werden. Aber es gibt neben dem Bauernverband weitere einflussreiche Interessengruppen, die alles tun, um genau das zu verhindern, dazu zählen die Pestizid-, Düngemittel- und die Fleischindustrie.

Welche Rolle spielen die Verbraucher?
Die Nachfrage nach Bio-Produkten seitens der Verbraucher steigt stetig. Das ist ja schon mal ermutigend. Wenn sie mehr Druck auf die Politik ausüben würden, könnte uns das helfen. Frau Künast hatte mit der damaligen Bunderegierung in der sogenannten Nachhaltigkeitsstrategie festgelegt, dass es in Deutschland 20 Prozent Bio-Landwirtschaft geben soll. Im Moment sind 6,3 Prozent der Flächen von der Bio-Landwirtschaft genutzt. Im letzten Jahr gab es mit einer Wachstumsquote von 0,25 Prozent einen historischen Tiefstand. Wenn wir die Entwicklung der letzten zehn Jahre fortschreiben, würde es noch 80 Jahre dauern, um die 20 Prozent zu erreichen.

Wie sicher sind die Produkte von Bioland? Pestizide gelangen mit dem Wind von konventionellen Äckern auf Bio-Felder.
Das haben wir selbst öffentlich gemacht. Allerdings ist die Diskussion, die dahinter steckt, weitaus komplexer als die meisten wissen. Die EU-Kommission will Bio damit ausbremsen, dass sie bei Bio-Produkten eine Null-Linie für Pestizide ziehen will. Das ist aber vollkommen unrealistisch und durch Biobauern überhaupt nicht steuerbar, da Pestizide durch Abdrift vom Nachbaracker, aber auch über Fernabdrift in die Bio-Nahrung gelangen können, auch wenn es nur minimale Mengen sind.

Gibt es eine Alternative zur Behandlung von Pflanzen mit Pestiziden?
Das geht immer in Richtung Biolandbau. Ansonsten gibt es keine ernstzunehmenden Alternativen.

Wie genau arbeitet Bioland, um mit seiner Marke Qualität und Sicherheit der Bio-Lebensmittel zu garantieren?
In unserem Verband sind 6.000 Bauern, Gärtner, Winzer und Imker zusammengeschlossen. Üblicherweise ist es ein längerer Prozess Bioland-Bauer zu werden und wir beraten und begleiten die Bauern während des Umstellungsprozesses. Der dauert normalerweise 2 bis 3 Jahre. Wir kontrollieren jährlich die Einhaltung der Bioland-Standards, die über die staatlichen Vorgaben hinausgehen. Zusätzlich sichern wir die Bioland-Qualität über unangemeldete Besuche ab.

Was leistet der Biolandverband außerdem?
Wir vermitteln unseren Mitgliedern Marktzugänge, kümmern uns um kontinuierliche Beratung und Weiterbildung. Dabei haben wir einen basisdemokratischen und dialogorientierten Ansatz, bei dem wir die Ideen, Probleme und Anforderungen der Bauern in den Regional- und Fachgruppen vor Ort einholen und in die Arbeit des Verbandes einbeziehen. Darüber hinaus haben wir 1.000 Partner in Handel, Herstellung und Gastronomie, die unser Bioland-Zeichen nutzen. Eine Marke, für deren Glaubwürdigkeit wir uns intensiv einsetzen. Selbstverständlich vertreten wir die Interessen unserer Mitglieder auf dem politischen Spielfeld auf bundesweiter und europäischer Ebene. Ein weiteres Anliegen ist die Aufklärung der Verbraucher zum Thema „Nachhaltigkeit“.

Was unterscheidet Sie genau von Wettbewerbern, die sich in einem ähnlichen Feld tummeln?
Wir arbeiten wissenschaftlich basiert und mit einem hohen gesellschaftspolitischen Anspruch. Wir haben eine eigene Forschungsabteilung. Das ist ein ganz wichtiger Bereich für uns, da wir uns natürlich immer weiterentwickeln müssen. Vom Bundeslandwirtschaftsminister fordern wir wesentlich mehr Forschungsgelder für den Biolandbau. Darüber hinaus geben wir das Bioland-Fachmagazin heraus, das sich auf sehr anspruchsvollem Niveau mit der Praxis der Biolandwirtschaft beschäftigt.

Wie bewerten Sie die Bioprodukte, die man in der Zwischenzeit auch zu relativ günstigen Preisen bei jedem Discounter kaufen kann? Sind diese Lebensmittel vertrauenswürdig?
Sie unterliegen auch den staatlichen Kontrollen und sind somit vertrauenswürdig, auch wenn die Standards niedriger sind als unsere Bioland-Kriterien. Wir bemängeln allerdings, dass es sich nicht um eine zukunftsgerichtete Strategie handelt, Bio-Lebensmittel zu verramschen. Das bringt nicht mehr Bio-Bauern und Flächen in Deutschland. Doch genau dafür müssen wir sorgen, dass wollen unsere Kunden.

Autor

KIRSTEN JANTKE

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