„Noch sind die Moscheen Fremdkörper in den Städten“ – THEMA 06/15 Meine Moschee

Mit der Zeit gehen, nicht nur technisch, Foto: © Arne Marenda

„Noch sind die Moscheen Fremdkörper in den Städten“ – THEMA 06/15 Meine Moschee

Die ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Lale Akgün fordert einen liberalen Islam

trailer: Der Islam gehört zu Deutschland, das ist mittlerweile unbestritten. Wie wird das aus Ihrer Sicht ganz praktisch gelebt?
Dr. Lale Akgün: Vollkommen unterschiedlich. Sie finden mittlerweile unter den Muslimen alle Strömungen, die es auch in der Mehrheitsgesellschaft gibt, flippige, homosexuelle, erzkonservative Menschen, sogar emanzipierte Männer. Es gibt alles.

Wie ist die statistische Verteilung der unterschiedlichen Strömungen?
Wir haben eine relativ große Gruppe an sehr konservativen Migranten. Bei der Direktwahl des türkischen Präsidenten im letzten Sommer beteiligten sich zwar relativ wenige Menschen aus Nordrhein-Westfalen, aber dennoch ist das Ergebnis aussagekräftig. In Düsseldorf zum Beispiel haben 72,1 Prozent Erdogan gewählt, in Essen sogar 79,4 Prozent: das zeigt uns, dass der konservative Anteil etwa 70-75 Prozent beträgt.

Sie selbst verstehen sich nicht als konservative, aber dennoch als gläubige Muslimin. Gehen Sie regelmäßig in die Moschee?
Ich bin Mitglied der muslimischen Gemeinde Rheinland, die aus rund 30 Mitgliedern besteht. Wir haben leider keine Moschee, sondern treffen uns im Moment etwa alle vier Wochen in den Räumlichkeiten der Lutherkirche in der Kölner Südstadt. Wir haben eine Imamim und vertreten liberale Ansichten. Da wir kein Geld haben, haben wir auch keine Moschee. Bevor wir beten, haben wir immer ein Thema, das wir unter theologischen Aspekten diskutieren. Liberale Muslime haben das Bild eines barmherzigen und nicht eines strafenden Gottes wie es die konservativen Kreise haben.

 

Dr. Lale Akgün ist Deutsche türkischer Herkunft, Therapeutin und Politikerin und war innerhalb der SPD-Bundestagsfraktion bis 2009 zuständig für die Integration der Muslime in Deutschland. Akgün ist bekannt für eine kritische Haltung gegenüber den traditionellen Islamauslegungen, Foto: Privat

Steigt das Interesse an Ihrem liberalen Islam in Deutschland?
Ja, das Interesse wird größer. Und das ist ja auch logisch. Wenn der Islam zu Deutschland gehört, kann es nur ein liberaler Islam sein, der mit Menschenrechten, Demokratie und Rechtstaatlichkeit vereinbar ist. Und mit Wissenschaft. Ich bin Wissenschaftlerin. Der Koran ist vor 1400 Jahren offenbart worden und wir müssen heute darüber nachdenken, was für uns Gültigkeit hat. Ich kann doch nicht die Verhaltens- und Bekleidungsregeln, die vor 1400 Jahren richtig waren, heute für richtig nehmen. Kleidung ist klimatisch bedingt, kulturell bedingt, historisch bedingt. Wir leben in Mitteleuropa, im 21. Jahrhundert.

Ich halte vor allem die moralischen Regeln des Korans für relevant. Welche Gebote und Verbote daraus werden, muss jede Zeit für sich entscheiden. Mit dieser Interpretation würde man auch den politischen Islam aushebeln, der die Suren als Legitimation für politisches Handeln herbeiführt.

Es ist übrigens auch Quatsch zu sagen, der IS-Terror habe mit dem Koran nichts zu tun. Natürlich bezieht er sich auf den Koran und die Suren. Wenn man das ändern möchte, gibt es nur einen Weg. Man muss den Mut haben, auszusprechen, dass die Suren, auf die sich die Terroristen beziehen, heute keine Gültigkeit mehr haben. Solange man sich nicht mit den Suren beschäftigt, die hinter diesem Terror stecken, werden Sie dem Terror nicht Herr. Sie können den Terror verurteilen, solange sie wollen, wenn Sie etwas ändern wollen, müssen Sie die Verbindung zu den Suren sehen. Und diesen Mut bringen die konservativen Islamgläubigen nicht auf. Sie sagen, wir verurteilen den Terror. D´accord. Verurteilt jeder normale Mensch. Sie müssten dann den zweiten Schritt gehen und sagen, diese bestimmten Suren (über die der Terror gerechtfertigt wird) haben heute keine Geltung mehr. Aber das wagen die Konservativen nicht. Der Koran ist vollkommen, aus ihrer Sicht. Und jedes Wort ist auch heute gültig. Wenn das so gesehen und der Koran von Fanatikern wortwörtlich ausgelegt wird, dann haben wir ein Gewaltproblem.

Wie sieht der mitteleuropäische Islam des 21. Jahrhundert aus?
Wir brauchen in Mitteleuropa einen Islam, der mit der heutigen Zeit und Kultur kompatibel ist. Wenn man hier lebt, kann man doch nicht einen Islam von vorgestern propagieren. Die Moscheebauten sind ein prägnantes Beispiel. Wann ist der Islam in Deutschland angekommen? Wenn er sichtbar angekommen ist. Alle Moscheen, die heute gebaut werden, passen nicht in die Architektur unserer Städte und Landschaften. Eine Moschee in Indien sieht anders aus als eine Moschee in Bosnien Warum bauen wir hier in Deutschland immer die 0815-DITIB-Moscheen wie in Köln-Ehrenfeld? Kuppel und zwei Minarette. Fertig. Der Islam gehört erst dann zu Deutschland, wenn er auch architektonisch sichtbar angekommen ist. Die Ästhetik ist ganz wichtig. Noch sind die Moscheen Fremdkörper in den Städten

Bei der Planung der Ehrenfelder Moschee ist doch, neben allen Schwierigkeiten, von vornherein eine Chance verpasst worden. Eigentlich könnte eine Moschee ein perfekter Treffpunkt und Mittelpunkt islamischen und städtischen Lebens sein …
… da müssten jede Woche drei bis vier Veranstaltungen stattfinden, sie müssten jeden Menge Leute einladen, liberale Muslime, Christen, Juden, um mit ihnen zu diskutieren. Sie müssten Angebote machen, sich über islamische Kultur zu informieren. Gäste aus aller Welt einladen. Nix passiert.

Gibt es Moscheen, die das machen?
Nein, aber genau das ist meine Vision: Moscheen werden zu Kommunikationszentren, die auch dazu da sind, den Islam bekannt zu machen. Die typische konservative islamische Gemeinde kapselt sich eher ab von den anderen deutschen Institutionen und Vereinen. Mir fehlt neben dem Austausch auch die Beschäftigung mit ethischen Fragen. Wie stehen die islamischen Verbände zu Sterbehilfe oder Leihmutterschaft, als Beispiel? Sie müssten sich diesen Fragen doch stellen. Das ist doch die Hauptaufgabe von Religionsgemeinschaften. Aber es läuft alles sehr formalistisch ab: Gebet, Fasten, Pilgerreise, Frauennachmittag. Fertig. Bei DITIB kommen die Predigten aus Ankara, so dass sie in allen Moscheen weltweilt identisch sind.

Die Religionsbehörde in der Türkei ist total unter der Fuchtel der Politik. Ich kenne eine Frau in der Türkei, die ist am Tag ausgetreten, als im Internet beschrieben wurde, wie man ein Kopftuch umbinden muss. Sie hat gesagt, das ist unislamisch. Kopftuchvorschrift geht gar nicht. Aber diese Leute bestimmen hier den Diskurs.

Was hat eigentlich die Fixierung auf das Kopftuch zu bedeuten?
Natürlich geht es grundsätzlich darum, die Sexualität der Frau unter Kontrolle zu halten, das müssen wir festhalten. Die Frau darf nur das Gesicht und die Hände zeigen. Manchmal auch die Füße. Das variiert von Vorgabe zu Vorgabe.

Das Kopftuch hat allerdings häufig auch andere Gründe. Ich habe zum Beispiel mal eine Frau in Kalk kennengelernt, die ein Büdchen betrieb und mir sagte: „Das Kopftuch ist meine Arbeitskleidung. Das ist das Zeichen, was den nervigen Kunden sagt: ‚Halte Distanz‘. Wenn ich nach Hause gehe, ziehe ich es natürlich aus.“ Die islamischen Verbände setzen das Kopftuch aber auch als Zeichen des politischen Islam ein. Es ist ihre Fahne. Tragen müssen es die Frauen. Die Männer ziehen sich einen Boss-Anzug an und sind schick gekleidet, die Frauen laufen in ihren islamischen Trachten nebenher.

Wie kann der Islam in Deutschland modernisiert werden? Wie kann ein deutscher oder europäischer Weg für den Islam aussehen?
Wir müssen jungen Leuten Alternativen anbieten und sie ohne Druck dafür gewinnen. Wir liberalen Muslime müssen jetzt an die Öffentlichkeit gehen und zeigen, dass es auch ein anderes Verständnis vom Islam gibt. Ich bin überzeugt, dass viele säkulare Muslime dafür offen wären.

Es gibt viele, die ihren modernen Alltag mit spirituellen Dingen verbinden wollen. Das widerspricht sich nicht. Ich finde es immer wieder faszinierend, dass das Wort Verstand 49 Mal im Koran vorkommt. Gott fordert uns immer wieder auf, den Verstand zu benutzen. Und er sagt, wer keinen Verstand hat, kann auch keinen Glauben haben.

Ist es schon einmal gelungen, einen liberalen, modernisierten Islam zu etablieren?
Die Reformen von Atatürk in der Türkei waren ein solcher Versuch. Aber die Zeit war wohl noch nicht reif.

Wo sehen Sie die Aufgabe unserer Regierung? Wo kann Politik helfen?
Sie sollte sich aus dem innerislamischen Diskurs heraushalten und auf keinen Fall Partei ergreifen. Kein Verband sollte sich anmaßen für alle Muslime zu reden. Das ist eine ganz große Gefahr. Wenn sich bestimmte (konservative) Verbände als Partner der Politik etablieren und der Meinung sind sie sprechen für alle. Es ist sogar vorgesehen, diese Verbände als Körperschaft des öffentlichen Rechts anzuerkennen. Dann können sie auch Kindergärten und Schulen betreiben, dann haben wir für die nächsten 100 Jahre den konservativen Islam in Deutschland zementiert. Wenn die Politik die konservativen Verbände weiter stärkt, wird das unsere Gesellschaft immer mehr polarisieren. Ich finde der Islam ist viel zu schade, um ihn den ewig Gestrigen zu überlassen.

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Autor

INTERVIEW: KIRSTEN JANTKE

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