Nichts gegen Bio, aber…

Was kostet ein gutes Gewissen? Foto: Sabrina Didschuneit

Nichts gegen Bio, aber…

Besseres Essen und ein vermeintlich reines Gewissen haben ihren Preis – choices-THEMA 01/17 BIOKOST

Gegen Bio ist eigentlich nichts einzuwenden. Schonendere Ressourcenverwendung, bewussteres Shopping, gesündere Ernährung und oft auch noch schadstoffärmere Verpackungen. Und wer geht nicht lieber bei Alnatura einkaufen als bei Aldi, Lidl, Penny & Co? Das Ambiente ist cooler, die Gerüche angenehmer, die Gesichter der Angestellten wirken fröhlicher und gesünder, und auch die vielen Miteinkäufer scheinen irgendwie netter.

Die einstige Graswurzelbewegung ist längst ein Milliardengeschäft. Aber passen Gewinnmaximierung und Bio zusammen? Was können wir Verbraucher tun und ist Selbstversorgung die sicherste Variante, bio zu leben?

Darüber hinaus erlaubt der Biokonsum, sich bei den Guten zu wähnen, während man das eigene Gewissen mit Biocreme salbt. Das so entstandene wohlige Gefühl verdeckt aber den Umstand, dass es wohl kein politisch korrektes und ökologisch sauberes Leben geben kann unter den Produktionsbedingungen des Kapitalismus.

Täuschen wir uns nicht: Das Handy, das zur Bestellung der Biokiste zum Einsatz kommt, stammt häufig genug von Foxccon, die Küche, in der die Öko-Kürbissuppe dann zubereitet wird, kommt von Ikea, und die Hose, die man dabei trägt, wurde in Taiwan, Bangladesch oder China produziert. Natürlich spricht nichts dagegen, Bio zu kaufen und entsprechende Läden zu betreiben. Man sollte die politische und moralische Wirkung nur eben nicht überschätzen. Bio ist in Form von Supermärkten wie Alnatura, Denn’s, Bio Company, Basic usw. nicht viel mehr als eine weitere Spielart spätkapitalistischer Konsumanreizstrukturen. Nur weil „öko“ draufsteht, muss noch lange keine bessere Welt drin sein. Immerhin wurde auch die ökologisch absurde Subvention der Autoindustrie „Umweltprämie“ genannt. Und selbst McDonalds hat seine Marke mittlerweile auf grün poliert. Trotzdem kommt die Bionade-Bourgeoisie nicht auf die Idee zu glauben, mit Burger-Konsum die Welt verbessern zu können.

Zudem hat der Biokonsum einen fatalen, blinden Fleck: Die soziale Frage wird ausgeklammert. Während sich die gehobenen Schichten bei Alnatura, Denn’s, Basic und Co ein reines Gewissen kaufen, bleiben die Prekären auf der Strecke. „Mit 390 Euro Hartz kommst du nicht weit im Biomarkt“, heißt es treffend bei der Band Kraftklub. Der Schwarze Peter für das Elend der Massentierhaltung und die Verseuchung von Böden durch Dünger und Gülle landet so automatisch bei all denen, die sich Bio nicht leisten können: Aufstocker, Alleinerziehende, Großfamilien und so weiter. Das ist perfide. Denn empirisch ist nachgewiesen, dass sich Wohlhabende zwar bewusster ernähren und auf die Umwelt achten, ihre Ökobilanz dennoch oft viel schlechter ist als die von weniger Betuchten, weil sie beispielsweise viel häufiger im Flugzeug sitzen oder schwerere und/oder mehrere Autos fahren.

Ein ähnlicher Widerspruch besteht auch auf Seiten der Märkte. Biomärkte müssen, wie alle Unternehmen im Kapitalismus, Profite maximieren. Zudem sind sie grundsätzlich an Deregulierung interessiert, wenn es um die Rechte ihrer Arbeitnehmer geht. So zahlen die wenigsten Biosupermärkte Tariflöhne, und Betriebsräte sind ebenfalls nicht gerne gesehen, wie vor einem Jahr das Beispiel eines Alnatura-Supermarktes in Bremen zeigte. Als dort die Mitarbeiter einer Filiale einen Betriebsrat gründen wollten, wurde das vom Konzern mit Schikanen verhindert, wie die Sendung „Buten und Binnen“ von Radio Bremen und die „taz“ berichteten. Betriebsverfassungen werden vielmehr durch scheinbar solidarische Betriebsstrukturen ersetzt. So werden Betriebshierarchien durchs allgemeine Duzen verschleiert und durch Anscheins-Mitbestimmung in Meetings und Plena möglichst vage gehalten.

Aber Alnatura ist nicht der Branchen-Buhmann: Die Dennree-Gruppe mit Sitz im bayrischen Töpen drängt seit der Gründung der Denn’s-Biosupermärkte aggressiv in dieselben Städte, in denen auch Alnatura vertreten ist. Firmengründer Thomas Greim wird von Gewerkschaften vorgeworfen, den Aufstieg zur Nummer eins über Dumpinglöhne und Arbeitszeitverstöße auf dem Rücken seiner Mitarbeiter erkämpft zu haben. Alnatura zahlt seit 2010 immerhin am Tarif im Einzelhandel orientierte Löhne, nachdem es kritische Berichte in den Medien über die niedrige Bezahlung gab. Gegen Bio ist wirklich nichts einzuwenden. Aber eine bessere Welt lässt sich eben nicht kaufen. Auch nicht im Biosupermarkt.

Autor

BERNHARD KREBS

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