Neue Perspektiven in Mülheim

Foto: Sandy Craus/fotografieonair

Neue Perspektiven in Mülheim

Goethes „Hermann und Dorothea“ im Stadtraum

Erst ist unklar, wo jetzt gleich etwas passieren wird – dieses Theaterstück braucht keinen Bühnenaufbau, es nutzt den Mülheimer Bahnhof und alles Umliegende als Kulisse. Der künstlerische Leiter Marcus Hasenkopf tritt vor, und eine Zuschauermenge von zirka 30 Leuten kristallisiert sich, masketragend, aus dem Bühnenbild des Bahnhofsvorplatzes heraus. Die Aufgabe für das Publikum lautet: So nah an die Schauspieler herantreten, wie es die Schutzmaßnahmen erlauben – und ihnen immer folgen.

Die Schauspieler marschieren zu Technomusik aus dem Bahnhofsgebäude. Das Goethe-Stück „Hermann und Dorothea – ein Idyll“ aus dem Jahre 1797 ist passend: Nicht nur, dass die Flüchtlingsthematik in unserer Zeit wieder brandaktuell ist (inklusive einer brennenden Unterkunft im Text), sondern auch auf die Begebenheiten des Köln-Mülheimer Bahnhofs scheint die Erzählung zugeschnitten zu sein. Regisseurin Andrea Bleikamp hat sich die Umgebung ganz genau angesehen, um immer wieder sinnvolle Szenerien zu finden.

Thomas Krutmann, der abwechselnd Hermann, dessen Vater und den Erzähler spielt, überzeugt an der frischen Luft mit tragender Stimme und klarer Unterscheidung der Charaktere. Im Spiel begleitet ihn die Puppenspielerin und -bauerin Marion Bihler-Kerluku, die die Mutter mimt, aber auch die Puppen-Freunde des Vaters bespielt: den Apotheker und den Priester. Musikalisch untermalt wird das Stück von Doro Bohr, die zusätzlich ihre Namensvetterin Dorothea darstellt, mehr Objekt der Begierde und der Erzählungen als tatsächlich anwesend.

Im Tunnel der Straßenbahn starren die uneingeweihten Passanten, schauen mit, nehmen entsetzt und fluchend Reißaus. Zwischen gewollter Provokation und kommunikativer Brechung der vierten Wand stürzt sich Krutmann mit dem Kopf voran ins Fremde, als Hermann immer darum bemüht, die Frau für sich zu gewinnen und auch den kritischen Vater zu überzeugen, der die Eingewanderte nicht in der Familie haben will.

Am fliederbewachsenen, duftenden Ende von Gleis vier nimmt die optimistische Erzählung ihr glückliches Ende. Eine Verknüpfung von Poetik und Stadtraumerkundung bringt einem das eigene Viertel noch einmal näher.

distrikt9: Hermann und Dorothea | R: Andrea Bleikamp | WA im Frühjahr | Vorplatz Bahnhof Köln-Mülheim | info@babel-koeln.de

Autorin

ROSANNA GROSSMANN

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