Nachrichten als Krise

Jan Böhmermann verbindet Satire und Journalismus, Foto: ZDF / Jens Koch

Nachrichten als Krise

Medienfrust und der Vertrauensverlust des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Im Dezember 2021 warnte der Paritätische Wohlfahrtsverband mit alarmierenden Zahlen. „Die Armut in Deutschland erreichte im Pandemiejahr 2020 einen neuen Höchststand“, sagte Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider vor fast einem Jahr in Berlin. Ganze 13,4 Millionen Menschen wurden als arm gezählt, das entspricht einer Quote von 16,1 Prozent. Mit den alltäglichen Schreckensmeldungen aus Inflation, Lieferkettenengpässen, Teuerungsraten und explodierenden Strom- und Gaspreisen hat sich diese Schraube im Jahr 2022 nochmal weitergedreht.

Sicher gibt es Grenzen, ab der man keine Muße mehr hat, die nächste Schreckensnachricht zu konsumieren – nur um am nächsten Tag festzustellen, dass die Welt doch nicht untergegangen ist. Wäre da nicht das Phänomen, negative Informationen stärker zu gewichten, als positive. Diese Erscheinung nennt man in der Fachsprache „Negativity Bias“. Es beschreibt die Negativitätsverzerrung. Unangenehme Gedanken, ablehnende Emotionen oder traumatische Ereignisse haben selbst bei gleicher Intensität eine größere Wirkung auf den eigenen psychologischen Zustand, als positive Dinge.

Flucht vor der Wirklichkeit

Wie sehen die möglichen Folgen einer vorwiegend negativen Berichterstattung aus? Von dem alltäglichen Wahnsinn um Wirtschaftsprognosen, Fachkräftemangel, Demographie, Proteste im Iran, Politik-Versagen, Korruption bei der Fifa, Corona-Krise und dem Krieg in der Ukraine wenden sich selbst manch hartgesottene Nachrichten-Konsumenten irgendwann ab. Sie treten den Rückzug an ins gelobte Land der Apathie.

Nachrichten dienen der geistigen Entwicklung einer Gesellschaft, wenn Menschen sich davon abwenden, ist das ein Problem. Die Debatten um Skandale des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verschärfen diese Entwicklung. Beim RBB sind besonders viele kostspielige und schlagzeilenträchtige Vorfälle in den letzten Wochen ans Tageslicht gekommen. Der RBB-Chefredakteur Christoph Singelnstein zum Beispiel ließ im Jahr 2018 seinen Vertrag mit seinem Haussender vorzeitig verlängern. Das verschaffte ihm den Anspruch auf ein lebenslanges Ruhegeld in Höhe von 55 Prozent seines letzten Gehalts. Dazu flattert ihm eine Art Betriebsrente in Höhe von über 100.000 Euro im Jahr zusätzlich auf sein Konto – alles extra zu seiner regulären Pension, einer 9.000 Euro-schweren monatlichen Betriebsrente. On top schloss der studierte Theaterwissenschaftler mit dem RBB einen Beratervertrag ab, der bringt ihm weitere rund 80.000 Euro im Jahr. Diese Zahlen sind auffällig und erzeugen Wut auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Die Programmgestaltung muss sich Kritik gefallen lassen, den Bildungsauftrag aus dem Blick zu verlieren, die Führungsriege fällt durch Selbstbedienungsmentalität auf. Das ist umso fataler, da die steigende Armut und die Vermögenskonzentration in den Händen weniger eine breite und vor allem glaubhafte Gerechtigkeitsdebatte dringendst erfordert!

Starke Inhalte

Etwas muss geschehen, damit ein enttäuschtes und verärgertes Publikum wieder Vertrauen in die Medien von A (wie ARD) bis Z (wie ZDF) fasst – das geht nur durch starke Inhalte. Jan Böhmermann und sein ZDF Magazin Royale haben es vorgemacht: Kritische Beiträge über WDR-Intendant Tom Buhrow, das System Waldorfschule, die Freischaltung der NSU-Akten oder die Welt der Spielerberater überzeugen mit investigativer Entlarvung. Aus dieser Richtung muss viel mehr kommen – dafür bekommen die öffentlich-rechtlichen Sender über 8,4 Milliarden von den Bürgern. Und „nur“ knapp 90 Millionen davon werden für Gehälter, Löhne und die Altersversorgung bereitgestellt.


ARMUT LEICHT GEMACHT – Aktiv im Thema

ichbinarmutsbetroffen.start.page | Die basisdemokratische und linke Bewegung erwartet von der Politik, die Armutsfrage ernst zu nehmen.
dishwasher-magazin.de | Das „Magazin von und für Arbeiter*innenkinder“ gibt denen eine Stimme, die aufgrund ihres „tatsächlichen, vererbten“ oder „zugeschriebenen sozialen Status benachteiligt, diskriminiert und entwürdigt“ werden.
bodoev.org | Seit fast 30 Jahren klärt der Verein mit seinem in Dortmund und umliegenden Städten verteilten Straßenmagazin in über die Belange armer und obdachloser Menschen auf.

 

Autor:

PETER HESSE

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