Multimedialer Remix der Postmoderne

Der Film „Defender“ läuft hier noch vor leeren Stühlen Foto: Jannis Wiebusch

Multimedialer Remix der Postmoderne

Tom McCarthys Ode an „The Pow(d)er of I Am Klick Klick Klick Klick and a very very bad bad musical“ im HMKV Dortmund

Aus Sicht des britischen Autors Tom McCarthy („Satin Island“) gelingt dem Medienkünstler-Duo Stefan Panhans und Andrea Winkler mit der Ausstellung „The Pow(d)er of I Am Klick Klick Klick Klick and a very very bad bad musical“ ein umfassender Blick auf die zahlreichen Aspekte der eigenen Identität in einer sich bis zum Implodieren ausdehnenden Welt. McCarthy selbst fügte dem multimedialen Remix einer Postmoderne, der aktuell im Dortmunder U zu sehen ist, am Mittwoch ein weiteres selbstreferenzielles Zahnrädchen hinzu. Via Zoom-Konferenz war der Schriftsteller mit einer Lesung aus seinem Essay „Dude, wo ist mein Habitus?“ zu Gast beim Hartware MedienKunstVerein (HMKV) Dortmund.

Der (virtuelle) Besuch des Autors fügte sich auch formal hervorragend in das Gesamtkonzept der Schau ein, die gegenwärtig die dritte Etage des U mit Videoinstallationen in thematisch ausgestalteten Räumen ausfüllt. Der lang anmutende und durch Dopplungen auffallende Ausstellungstitel ist ein Dreiklang – ein Lindwurm, der übergreifend versucht, die vielen Teile eines übermächtig erscheinenden Leibes zusammenzuhalten. Im ersten Teil nimmt er laut Kuratorin Dr. Inke Arns Bezug auf Selbstoptimierungs-Schriften eines US-amerikanischen Megachurch-Predigers. Ideologisch dem Neoliberalismus verpflichtet, geht es um Optimierungsprozesse, die das Individuum in den Fokus setzen.

Autor Tom McCarthy via Videoschalte zu Gast im HMKV, Screenshot: Fabian Paffendorf

Das „Klick Klick Klick Klick“ im Titel verweist hingegen auf die Speisung Luhmannscher Systeme durch mediale Inhalte und Internet-Identität. Klickzahlen im Netz werden zur neuen Währung der Aufmerksamkeit erhoben. Als „very very bad bad musical“ bezeichnen Stefan Panhans und Andrea Winkler ihren vierminütigen Film „Defender“, der in der Tiefgarage des RWE-Towers inszeniert wurde. Drei Frauen (Anne Ratte-Polle, Lisa-Marie Janke, Olivia Hyunsin Kim) finden sich darin im Angesicht eines verhüllten SUVs wieder, müssen im Raum ergründen, was sie dort hingebracht hat, was sie dort suchen und finden wollen. Laut Stefan Panhans ist „Defender“ (einer von sechs Filmen der Ausstellung) ein Extrakt aus zahlreichen Sichtungs-Stunden von Werbespots für SUVs. Als Erlkönig thronend ist das Auto der Impuls für die Handlung, Startschussgeber für eine Suche nach Lustbarkeit und Sinnstiftung.  „Das Auto ist bewusst als McGuffin angelegt, so wie Alfred Hitchcock sie in seinen Filmen gesetzt hat“, sagt Andrea Winkler.

Um den identitätsstiftenden Drive des Gesamtkonzepts herauszuarbeiten, bedient sich Tom McCarthy den Speerspitzen der Popkultur als Analyseelemente. „Dude, wo ist mein Habitus?“ bezieht sich im Titel natürlich auf den Hollywood-Heuler „Dude, wo ist mein Auto“ mit Ashton Kutcher. McCarthy setzt an, schält die Bedeutungsebenen der Ausstellungsteile ebenso durch Queens „Bohemian Rhapsody“ wie auch mit Dantes Göttlicher Komödie heraus. Am Ende seiner Betrachtung steht das Fazit, dass Panhans und Winkler die Beziehung der Räume untereinander und zueinander in Form eines VJ-Remixes neu arrangieren, in dem zahlreiche Welten in einander fallen.

Stefan Panhans, Andrea Winkler: „The Pow(d)er of I Am Klick Klick Klick Klick and a very very bad bad musical“ | bis 5.9. | HMKV im Dortmunder U | www.hmkv.de

Autor

FABIAN PAFFENDORF

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