Mülheim war schon immer schneller

Roberto Ciulli, Foto: H. Hoffmann

Mülheim war schon immer schneller

Roberto Ciulli bekommt den Theaterpreis Faust

Deutscher geht es nicht. Nicht nur wird dem Regisseur Roberto Ciulli in diesem Jahr der Faust für sein Lebenswerk verliehen. Er bekommt den Preis ausgerechnet am 9. November, diesem deutschesten aller deutschen Daten (Novemberrevolution und Mauerfall) überreicht. Man darf darauf wetten, dass dem Regisseur und Theaterleiter mit einer Vorliebe für Hegel die Dialektik nicht entgangen ist.

Der heute 85-jährige Roberto Ciulli ist einer der großen Reformer des deutschen Theaters – die konstant ignoriert wurden. Wenn derzeit die Zweifel am hierarchischen Intendantensystem wachsen, dann muss sich die Bühnencommunity fragen lassen, warum sie jahrelang vor Mülheim die Augen verschlossen hat. 1980 scherten Ciulli und sein Dramaturg Helmut Schäfer aus dem Theaterbetrieb aus und gründeten gemeinsam mit der Stadt Mülheim das Theater Mülheim an der Ruhr. Ein Haus, das die alte Stadttheater-Hierarchie suspendierte, den Ensemblebegriff auf alle Beschäftigten ausdehnte und seine Struktur der Produktion von Kunst unterordnete.

Ein neues System, das außerdem multikulturelle Integration und Internationalisierung zu ihrem Leitstern machte und das Reisen in Gestalt fremder wie eigener Gastspiele zu einer erkenntnisstiftenden Methode verfeinert hat. Selbsterkenntnis ist schließlich nur in der Begegnung mit dem Fremden möglich. Ciulli holte Gruppen wie das Roma-Ensemble Theater Pralipe oder derzeit das arabische Ensemble Collective Ma’Louba nach Mülheim. Lange bevor der Begriff des interkulturellen oder postmigrantischen Theaters Mode wurde, hatte man es in Mülheim in die Tat umgesetzt.

„Das Theater war und ist für mich Widerstand und vor allem der Ort, wo denjenigen einen Stimme gegeben wird, die sie nicht haben“, sagte Ciulli kürzlich in der WAZ. Man mag das für eine typische 68er-Attitüde halten, doch das Hervortreiben von Widersprüchen und Inkraftsetzen der Fantasie, das sind wohl bis heute zwei zentrale Antriebskräfte Ciullis. Eine dritte liegt im Schauspieler als Handelndem, der sich spielerisch die Welt aneignet – bei Ciulli ins Zirzensische verlängert mit einer tiefen Vorliebe für den Clown. Selbstverständlich ist Ciullis Ästhetik selbst inzwischen historisch – doch für Erneuerung hat Ciulli längst gesorgt. Mülheim war schon immer etwas schneller als andere.

Autor

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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