Melodram im Nahen Osten

Foto: Tommy Hetzel

Melodram im Nahen Osten

Stefan Bachmann inszeniert „Vögel“ von Wajdi Mouawad

Die Orte ähneln sich: Ob New York, Berlin oder Tel Aviv, überall stehen die gleichen grauen Stahlrohrstühle, die gleichen Tische oder mal ein Krankenbett. Die Schauplätze in Wajdi Mouawads „Vögel“ sind auf der Bühne des Kölner Schauspiels zudem so hintereinander gestaffelt, dass die Übergänge fließend werden: Vorne liegt die USA, in der Mitte Israel und hinten Deutschland (Ausstattung: Jana Findeklee, Joki Tewes) – getrennt allein durch opake Streifenvorhänge aus Plastik. Ferne und Nähe lösen sich auf, Heimat und Diaspora fallen ineinander.

Im Vordergrund beginnt das Spiel: In einer Bibliothek in New York lesen die Figuren an Tischen, vertieft, verschlafen, konzentriert. Hier verliebt sich der junge Biogenetiker Eitan (Nikolay Sidorenko) in die Literaturwissenschaftlerin Wahida (Lola Klamroth): So beginnt eine (jewish) boy meets (palestinian) girl-Geschichte. Eitans Familie in Berlin ist davon keineswegs amused. Schweres Identitäts-Gewitter zieht auf: Vater David (Bruno Cathomas) holt die jüdische Abstammungs-Keule heraus und wütet mit kaum zu bändigendem Furor am Berliner Esstisch. Mutter Norah (Melanie Kretschmann) mit jüdischer DDR-Vergangenheit versucht zu lavierend zu beschwichtigen, während Opa Etgar (Martin Reinke) wissend die Wogen zu glätten versucht.

16 Bühnen spielen derzeit Wajdi Mouawads Stück „Vögel“, das den Darstellern Viersprachigkeit abfordert (Deutsch, Englisch, Hebräisch, Arabisch). Die Romeo-und-Julia-Geschichte entpuppt sich dann schnell als Identitätsdrama zwischen Melodram und „well made play“, das einerseits überdeterminiert ist, andererseits über ein filmreifes psychologisches Setting verfügt. Eitan lässt nämlich einen Gentest machen und siehe da, sein Vater und sein Großvater sind nicht verwandt miteinander. Eitan reist zusammen mit Freundin zu seiner Großmutter Leah (Margot Gödrös) nach Israel. Er wird bei einem Anschlag schwer verletzt und liegt im Koma, während die unverletzte Wahida im Gazastreifen selbst auf Identitätssuche geht. Als die Berliner Familie anreist, kommen unversehens die Lebenslügen auf den Tisch. Stefan Bachmann kühlt Mouawads Grundfrage nach Sozialisation versus Vererbung äußerlich leicht herunter, nimmt ihr auch die Komik. Im Gegenzug schafft er damit ein Setting, in dem die Emotionen der Figuren umso deutlicher hervortreten können.

Im israelischen Krankenzimmer und an Omas Küchentisch wird dann David der Teppich der Identität unter den Füßen weggezogen – er ist ein palästinensisches Findelkind, das von Leah und Etgar großgezogen wurde. Bruno Cathomas liegt schließlich als nacktes mosaisches Kindlein und aller Worte beraubt auf der Bühne, bis er von Wahida und einem historischen islamischen Gelehrten weggeführt wird.

Mouawads Stück ist großes Kino und nicht ganz so großes Theater. Die Identitätsparabel entkommt nicht ganz ihrer Schablonenhaftigkeit und eben ziemlich kinogemäßen Dramaturgie und Psychologie. Am Ende bewundert man zwar die Sprachfertigkeit der Schauspieler sowie die Kunstfertigkeit der Inszenierung – doch ergriffen ist man nicht.

„Vögel“ | R: Stefan Bachmann | 24.11. 18 Uhr, 28.11. 19.30 Uhr | Schauspiel Köln | 0228 22 12 84 00

Autor

Peter Ortmann

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