Meinung macht frei

„Die Kultur ist die Seele Kölns“, Oberbürgermeisterin Henriette Reker, Foto: Stadt Köln

Meinung macht frei

Birlikte & der Kulturentwicklungsplan II – Theaterleben 07/16

150 vermeintlich linke Demonstranten stürmen die Bühne des Schauspiel Köln im Mülheimer Carlswerk, um eine Diskussion unter Beteiligung des Mitbegründers der AfD, Konrad Adam, zu verhindern. Leider gelang der Frontalangriff auf die grundgesetzlich verbriefte Meinungsfreiheit und die Veranstaltung wurde bereits vor Beginn durch den Intendanten des Kölner Schauspiels, Stefan Bachmann, abgebrochen. Die Vorsitzende der IG Keupstraße, Meral Sahin, die sich zum Ziel gesetzt hat das Gedenken an die Opfer der NSU-Anschläge in jener Keupstraße hochzuhalten, wurde mit erhobenen Fäusten bedroht und so niedergebrüllt, dass auch sie nicht zu Wort kam. Was zum Teufel denken sich diese selbsternannten Moralapostel und Wächter über unsere Meinung eigentlich? Nur weil man links, Öko oder sonst was ist, hat man noch lange nicht Recht. Nur wenn man eine Meinung hat, diese offen äußert und andere Meinungen hört, ist man frei, ist unsere Gesellschaft frei. Noch ist die AfD eine demokratische Partei und damit Teil des politischen Willensbildungsprozesses der Bürger, ob dies einem gefällt oder nicht. Insofern sind die „Bühnenstürmer“ von Mülheim desselben Geistes Kinder wie jener Teil der AfD-Anhängerschaft, der jenseits des Grundgesetzes steht und Werte der Toleranz, Meinungs- und Pressefreiheit genauso mit Füßen tritt. Wo, wenn nicht auf der Theaterbühne kann man eine Auseinandersetzung mit rechtem Gedankengut führen? Schade um Birlikte, die Meinungs- und Kunstfreiheit.

Was dem entgegensetzen? Gerade die Kultur hat den beschriebenen Strömungen viel entgegenzusetzen: Die Freiheit, Alternativen im wahrsten Sinne des Wortes durchzuspielen, Finger und Worte in Wunden zu legen, die Wahrnehmung und das Bewusstsein der Kölner Bürger für schädliche Prozesse und positive Visionen einer toleranten Stadtgesellschaft zu schärfen.

Insofern ist der Startschuss zur 2. Auflage des Kölner Kulturentwicklungsplanes (KEP) den die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker in der Piazzetta des Kölner Rathauses gab, grundsätzlich zu begrüßen. Denkt man allerdings an die Umsetzung des KEP I von 2009 dreht sich einem der Magen um: Fast nichts wurde in den vergangenen 7 Jahren Realität. „Die Kultur ist die Seele Kölns“, betonte Reker zum wiederholten Male. Wenn dies stimmt, ist diese Seele in den letzten sieben Jahren verraten und – durch Sparwut – indirekt verkauft worden. Insofern macht ein neuer KEP nur Sinn, wenn die dort formulierten Handlungsziele zur Handlungsanweisung für die Kölner Politik werden.

Entwickelt werden soll dieser Plan in einem „partizipatorischen Prozess“ unter Einbeziehung der Interessenvertretungen der städtischen wie der freien Kulturinstitutionen. Sieht man sich die Zusammensetzung der sogenannten „Lenkungsgruppe KEP“ an, so fällt einem das KulturNetzKöln auf. Hier handelt es sich um eine selbsternannte Interessenvertretung einiger weniger Kulturakteure Kölns, die jeder Legitimation entbehrt, die für sich aber in Anspruch nimmt, für die gesamte Freie Kulturszene zu sprechen. Hier ist absolut Vorsicht geboten, soll der partizipatorische Prozess und damit der KEP II nicht von vornherein Schaden nehmen. Auch in der Kölner Kultur muss man scheinbar noch dazulernen, was das Thema „demokratische Interessenvertretung“ anbelangt…

Jörg Fürst

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