„Manche unserer Schulbücher werden in China auf Tropenholz gedruckt“

Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen…hier eher nicht der Fall, Foto: Philipp Stiller

„Manche unserer Schulbücher werden in China auf Tropenholz gedruckt“

BUND-Waldexpertin Nicola Uhde über den Zustand der Wälder

trailer: Warum ist der Wald für uns so wichtig?
Nicola Uhde
: Der Wald stellt saubere Luft und sauberes Wasser bereit. Er dient dem Klimaschutz weil er Kohlenstoff bindet und der Wasserspeicherung. Außerdem sind Wälder Lebensräume für viele Arten von Tieren, Pflanzen und Pilzen. Nicht zuletzt liefern Wälder, wenn sie forstwirtschaftlich genutzt werden, den umweltfreundlichen Baustoff Holz. Auch als Heizstoff wird Holz genutzt, da sind wir aber am Limit. Derzeit wird von dem im Wald geernteten Holz mehr als die Hälfte direkt verheizt. Wir brauchen aber Holz als Ersatzstoff für Baustoffe wie Stahl, Beton oder Plastik. Denn diese Stoffe verursachen bei der Herstellung hohe CO2-Emissionen. Wird aber viel Holz zum Heizen oder für die Stromerzeugung genutzt, dann macht das weder aus Naturschutz-, noch aus Klimaperspektive Sinn. Holz wird außerdem zur Papierherstellung genutzt. In Deutschland beträgt der Verbrauch 250kg pro Kopf pro Jahr. Das ist zu viel. Wenn man bedenkt, dass manche unserer Schulbücher in China auf Tropenholz gedruckt, und dann zu uns verschickt werden, ist das schon erschreckend. Um es positiv zu formulieren: Es gibt beim Papierverbrauch also jede Menge Einsparpotenzial.

In den 1980er Jahren war das Waldsterben ein großes Umweltthema. Geht es unserem Wald heute besser?
Es geht dem Wald definitiv besser. In den 1980ern haben sich aufgrund des großen öffentlichen Aufschreis viele Dinge getan. Es wurden Katalysatoren in die Autos und Entschwefelungsfilter in die Industrieanlagen eingebaut. Dadurch wurden vor allen Dingen die Schwefelemissionen verringert. Wir haben nicht mehr so schlimme Schadstoffeinträge in den Wald wie früher, aber dennoch zu viel, vor allem Stickstoffe, und die schaden dem Wald. Wirklich gesund ist der Wald also nicht, aber er stirbt nicht mehr.

Nicola Uhde ist Biologin und ist beim BUND Bundesverband für Waldpolitik, Moorschutz und internationale Biodiversitätspolitik zuständig, Foto: BUND

Welches sind die größten Probleme für den Wald heute?
Die Klimaerwärmung hat inzwischen eingesetzt, dadurch haben wir wesentlich häufiger Extremwetterereignisse, beispielsweise lange Dürreperioden, die dann eben die Gefahr von Waldbränden vor allem in Ostdeutschland bergen. Durch lange Dürreperioden geraten die Bäume in Trockenstress, sie werden anfälliger für Massenvermehrungen von Schädlingen wie Borkenkäfern. Es gibt mehr Starkregen, der so schnell nicht in den Boden eindringen kann. Dadurch kommt es zu Bodenerosionen. Auch starke Stürme kommen häufiger vor.
Zudem muss man festhalten, dass der Holzpreis sehr stark gestiegen ist. Das hat auch mit der Energiewende und der verstärkten energetischen Nutzung von Holz zu tun. Es wird lukrativ, auch Bäume zu ernten, die man vor einiger Zeit noch im Wald gelassen hätte. Ein Land oder eine Kommune, wo die Kassen klamm sind, oder auch Privatwaldbesitzer könnten so verleitet werden, doch ein wenig mehr Holz aus dem Wald zu holen, als gut ist.

Wie sollten die Forstwirte mit dem Wald richtig umgehen? Was ist erstrebenswert?
Erstrebenswert ist eine gute fachliche Praxis im Wald. Das heißt zum Beispiel, dass man nicht mit schwerem Gerät kreuz und quer im Wald herumfährt, sondern Rückegassen hat, die aber auch nicht alle zwanzig, sondern alle vierzig Meter liegen. Der Bodenschutz ist sehr wichtig. Es sollte möglichst mit leichtem Gerät im Wald gearbeitet werden, am besten sollte man die Bäume mit Pferden zu den Forststraßen bringen, das ist aber teurer und wird deshalb wenig gemacht, Biotopbäume, also Bäume in denen Höhlen sind, oder die abgebrochen sind, sollten stehen gelassen werden. Das ist für Tiere und andere Lebewesen sehr wichtig. Bei der Holzernte sollten die Kronen der Bäume im Wald verbleiben. Diese Praxis hat sich vor allem durch die Energiewende geändert, da nun viel Geld mit Hackschnitzeln und Pellets verdient werden kann. Dadurch gibt es dann weniger Totholz im Wald, welches für die Bodennährstoffnachhaltigkeit wichtig, und Lebensraum für viele Tiere, Pflanzen und Pilze ist.

Gibt es eine einheitliche gesetzliche Regelung?
Nein, die gibt es nicht. Es gibt das Bundeswaldgesetz, in dem geschrieben steht, dass der Wald ordnungsgemäß forstwirtschaftlich genutzt werden soll. Das heißt aber nicht viel mehr, als dass nicht alles abgeholzt werden kann. Manche Praktiken verstoßen gegen das Bundesnaturschutzgesetz oder gegen die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie, die zur Erhaltung der Lebensräume wildlebender Tiere und Pflanzen gedacht ist. Aber sie verstoßen nicht gegen das Bundeswaldgesetz, das ja eigentlich zum Schutz des Waldes gedacht sein sollte. In einigen Bundesländern gibt es zum Glück schon bessere Waldgesetze. Wir vom BUND wünschen uns daher eine auf Bundesebene festgeschriebene Regelung. Aber das wird mit der derzeitigen Regierung kaum möglich sein.

Was können Verbraucher tun, um den Wald zu schützen?
Man sollte seinen Papier- und Holzverbrauch senken, zum Beispiel bei Möbeln ist zu überlegen, ob man Sachen nicht reparieren oder restaurieren kann, anstatt sie wegzuwerfen. Das FSC- und das Naturland-Siegel werden vom BUND als ökologisch nachhaltig und hochwertig gesehen. Aber beim FSC-Siegel ist zu empfehlen, dass man Holz aus Deutschland kauft, denn im Vergleich zu vielen unserer Nachbarländer schneidet die deutsche Forstwirtschaft wesentlich besser ab. Wer weniger Fleisch und tierische Produkte zu sich nimmt, hilft vor allem den Tropenwäldern, die aufgrund von Futtermittelanbau und Viehhaltung gerodet werden. Auch die Einsparung von Strom und Heizkosten hilft dem Wald. Bewegt man sich im heimischen Wald, sollte man seinen Müll mitnehmen und in Naturschutzgebieten nicht unbedingt querfeldein laufen. Wer aktiv etwas für die Wälder tun möchte, kann sich beim BUND in einer Kreis- oder Ortsgruppe engagieren.

Interview

Nina Ryschawy

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